"Vielfalt macht Sinn".

So viel steht fest: Die Automobilhersteller müssen die CO2- und Schadstoffemissionen ihrer Fahrzeugflotten reduzieren. Das fordern die Kunden und verlangen die EU-Klimaziele. Doch mit welcher Technologie?

Die Kunden sind verunsichert – und die Automobilhersteller auf der Suche nach Lösungen. Bis 2021 müssen sie in Europa die weltweit anspruchsvollsten Klimaziele für PKW erfüllen und den durchschnittlichen CO2-Wert pro Kilometer von derzeit 120g auf 95g senken. Das entspricht einer Reduzierung von 20 Prozent in sechs Jahren. Passiert das nicht, drohen Strafzahlungen. „Die BMW Group will diese Grenzwerte erfüllen. Dazu haben wir uns verpflichtet“, sagt Thomas Becker, der bei der BMW Group die Politik- und Außenbeziehungen leitet.

Ein Gespräch über die Rolle des Dieselmotors, neue Elektro-Modelle, Benziner und Out-of-the-Box-Innovationen.

Die aktuelle Diesel-Fahrverbotsdebatte sorgt EU-weit zu einem erheblichen Rückgang des Dieselabsatzes. Macht sich das auch in der Flotte der BMW Group bemerkbar?

Thomas Becker: 2017 lag der Diesel-Anteil in Europa immer noch deutlich über 50 Prozent und trägt damit auch weiterhin entscheidend zur CO2-Reduzierung bei – wenn auch nicht im ursprünglich geplanten Umfang. Die BMW Group hat die CO2-Emissionen der gesamten Flotte seit 1995 um über 41 Prozent gesenkt. Daran hat der Dieselmotor mit seiner Effizienz und seinem im Vergleich zum Benzinmotor um circa 15 Prozent geringeren CO2-Ausstoß einen entscheidenden Anteil. Darüber hinaus haben unsere Ingenieure schon im März 2018 nahezu alle Dieselmodelle mit einer Kombination aus NSC- und SCR-Katalysatoren ausgerüstet. Damit erreichen unsere Diesel jetzt ein vergleichbar niedriges Emissionsniveau.

Das bedeutet was?

Das heißt zunächst einmal, dass moderne Euro-6-Diesel die anspruchsvollen europäischen Grenzwerte erfüllen. Der ADAC hat in einer aktuellen Untersuchung die Stickoxidemissionen von Euro 6- Dieselmodellen geprüft. Die deutschen Hersteller erreichen dabei im Flottenvergleich das niedrigste Schadstoff-Niveau. Fahrzeuge der BMW Group-Marken BMW und MINI schneiden am besten ab. BMW 520d und 530d weisen sogar absolute Spitzenwerte auf. Auch andere NGOs und neutrale Institute bescheinigen uns eine sehr gute Performance.

Das heißt, je schneller die Euro 6-Fahrzeuge auf die Straße kommen, desto größer der Fortschritt für die Luftqualität?

Europa hat für PKW die weltweit anspruchsvollsten Klimaziele formuliert. Der Euro-6-Diesel ist zur Erreichung dieser Ziele unerlässlich – wenn auch nicht alleine, sondern in Kombination mit Elektrofahrzeugen sowie Plug-In-Hybriden. Und auch für die Luftqualität in der Stadt ist ein schneller Hochlauf neuer Technologien entscheidend. Der Trend zu steigendem Durchschnittsalter in der Flotte muss gebrochen werden.

Um die Kunden zu Neuanschaffungen zu bewegen, werden Kaufanreize notwendig.

Um den Wechsel von Dieselfahrzeugen älterer Standards als Euro 5 auf Fahrzeuge mit modernster Abgasnachbehandlung oder E-Fahrzeuge zu beschleunigen, haben die BMW Group und andere deutsche Automobilhersteller verbindlich zugesagt, kurzfristig eigenfinanzierte Anreize anzubieten. Dazu gehört beispielsweise eine Umstiegsprämie, die beim Kauf eines BMW i3, eines Plug-In-Hybrid oder eines Euro-6-Neufahrzeugs mit einem CO2-Wert von maximal 130g pro Kilometer ausbezahlt wird.

Wird diese Prämie mit staatlichen Kaufanreizen verrechnet?

Nein, sie kann zusätzlich – beispielsweise zu dem in Deutschland gerade angebotenen Umweltbonus beim Kauf von elektrifizierten Fahrzeugen – in Anspruch genommen werden. Dem Käufer eines neuen BMW i3 ermöglicht sie damit einen Preisnachlass von insgesamt 6.000 Euro. Doch Anreize allein sind nicht entscheidend. Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen und dazu gehört eben auch der noch erforderliche Ausbau der Ladeinfrastruktur.

2018 steht bei der BMW Group im Zeichen der Elektromobilität. Was heißt das?

Wir haben früher als die meisten deutschen Hersteller in die Elektromobilität investiert und haben uns hier mit bisher insgesamt 200.000 verkauften elektrifizierten Fahrzeuge einen gewissen Vorsprung aufgebaut. Wir sind momentan der europäische Marktführer bei Batteriefahrzeugen und Plug-In-Hybriden. Bis 2025 werden wir weltweit 25 voll- oder teilelektrische Modelle anbieten und den Anteil an elektrifizierten Fahrzeugen am globalen Absatz auf 15 bis 25 Prozent erhöhen.

Das klingt, als seien Diesel- und Elektroantriebe die einzigen Maßnahmen, mit denen sich die CO2-Emisionen reduzieren lassen?

Die BMW Group denkt über den Antrieb hinaus. Durch die Integration neuer Technologien und Konzepte werden wir weitere CO2-Minderungspotentiale erschließen. So kann das automatisierte Fahren beispielsweise für einen besseren Verkehrsfluss und damit für weniger Emissionen sorgen. Die Daten-Konnektivität ermöglicht schon heute eine spritsparende Beschleunigung und die Elektromobilität führt durch die verstärkte Nutzung regenerativer Energien zu immer emissionsfreierem Fahren. Nicht zu vergessen das CarSharing, mit dem sich Zweitwagen, aber auch ältere Autos ersetzen lassen. Unsere Daten zeigen: Carsharing kann insbesondere ältere Gebrauchtwagen und damit einen deutlichen Beitrag zu weniger Emissionen in der Stadt leisten.

Dann hat der Benziner also bald ausgedient?

Ganz und gar nicht. Jede Technologie – ob Benziner, Diesel, Elektrofahrzeug oder Plug-In-Hybrid – hat in bestimmten Anwendungsbereichen Vorteile. Deshalb werden wir unseren Kunden diese Auswahl auch weiterhin anbieten. Jeder kann sich das Konzept wählen, das am besten zu ihm passt. Vielfalt macht Sinn, sonst setzen wir effiziente Technologien nicht optimal ein. Pragmatismus ist zielführender als Ideologie.