Zeichnung von Fahrrädern der Zukunft

Starthilfe von der Politik.

Kalifornien ist ein weltweiter Vorreiter in Sachen Elektromobilität. Dr. Gil Tal, Leiter des Plug-in-Hybrid and Electric Vehicle Centers an der University of California in Davis, erklärt die Gründe für Kaliforniens Innovationen bei der Elektromobilität. Er plädiert für mehr politische Unterstützung bei der Weiterentwicklung nachhaltiger Mobilität.

Hallo Gil, Elektromobilität wird nach und nach zum neuen „Normal“ in der Automobilindustrie ...
Die Beobachtung stimmt, betrifft aber nur einen Teil des potentiellen Marktes.  Von acht Prozent der Interessenten, die bereits vor fünf Jahren den Kauf eines Elektro-Fahrzeugs in Erwägung gezogen haben, fahren die meisten mittlerweile elektrisch. Leider aber ist der Anteil derjenigen Autofahrer, die bis heute nicht auf Elektro umsteigen wollen, weitaus größer.

Woran liegt das?
An einem Wechsel interessiert sind zunächst vor allem die Early Adopter. Sie zeichnen sich aus durch Neugier an neuer Technik und ein Interesse, die Umwelt zu schützen. Für sie ist das Elektro-Auto auch Teil eines Gesamtkonzepts. Es geht ihnen um die Zukunft der Mobilität und sie möchten ganz vorne mit dabei sein. Nicht selten investieren die Early Adopter von Elektro-Autos auch in eine Solaranlage zuhause und produzieren ihren eigenen Strom. Wenn sie dann ein Elektro-Auto kaufen, können sie es direkt mit der Sonnenenergie, die sie zuhause produzieren, aufladen. Das ist aber noch immer die Minderheit.

Wie könnte man den Rest überzeugen?
Damit eine neue Technologie zum Durchbruch gelangt, muss sie einen signifikanten Vorteil bieten. Viele Kunden halten elektrische Autos im Moment nicht für komfortabler als die Benzin- und Diesel-Varianten. Gründe dafür sind die beschränkte Reichweite und unzureichende Lademöglichkeiten. Und ohne staatliche Unterstützung, wie z. B. Subventionen, Sonderrechte in Hauptverkehrszeiten und spezielle Preise für Strom, sind sie auch nicht günstiger.

In Kalifornien, wo Sie an der University of California, Standort Davis, forschen und lehren,  beträgt der Anteil an Elektromobilität aber bereits 8,5 Prozent.
Die Entwicklung hier in Kalifornien ist vor allem auf politische Regulierung zurückzuführen. Bei uns gibt es beispielsweise ein regionales Null-Emissionen-Programm: Will ein Automobilhersteller eine gewisse Anzahl an Benzin- oder Dieselfahrzeugen verkaufen, muss er auf der anderen Seite dafür erst Credits erwerben, etwa indem er Elektro-Autos verkauft. Das hat den Markt für Elektro-Fahrzeuge deutlich verbessert. Viele Automobilhersteller wie etwa die BMW Group haben das genutzt, um ein Ausrufezeichen zu setzen: Sie haben frühzeitig gezeigt, was mit Elektromobilität alles möglich ist. In Kalifornien unterstützen wir das ZEV-Programm mit Anreizen und beträchtlichen Investitionen in die Infrastruktur. Der Schlüssel zum Erfolg liegt jedoch hauptsächlich in einem Paket koordinierter Maßnahmen.

Welche Rolle spielt die Lade-Infrastruktur?
Wir haben bei einer Langzeitstudie zum MINI-E herausgefunden, dass für viele Besitzer eines Elektro-Autos öffentliche Ladesäulen kein wesentliches Kriterium sind. Die meisten fahren eher kurze Strecken und laden ihr Fahrzeug einmal am Tag zuhause in der Garage auf. Aber natürlich trägt es sehr zur Mobilitätswende bei, wenn eine gute Lade-Infrastruktur garantiert ist. Schon vor über zehn Jahren hat Kalifornien massiv in den Ausbau des öffentlichen Lade-Netzes investiert, sodass sich Besitzer von Elektro-Fahrzeugen mittlerweile in mehr Regionen elektrisch fortbewegen können, ohne fürchten zu müssen, dass sie das Auto nicht laden können. Allerdings haben unserer Recherchen ergeben, dass viele Käufer trotz all dieser Maßnahmen ein Problem sehen: Wenn ich in ein Autohaus in Kalifornien gehe, dann finde ich unter zehn Fahrzeug-Modellen meist nur ein einziges, das elektrisch fährt. Was ich damit sagen will: Elektromobilität könnte heute noch deutlich stärker verbreitet sein, wenn Autohändler mehr elektrische Modelle zur Verfügung hätten.

Ein Henne-Ei-Problem?
Das ist überall auf der Welt das Gleiche. Wären Elektro-Autos erfolgreicher, würden mehr davon produziert. Aber weil dem nicht so ist, kann Elektromobilität noch nicht zum neuen „Normal“ werden.

In Ihren Vorträgen plädieren Sie immer wieder für mehr Aufklärungsarbeit und bessere politische Unterstützung der Elektromobilität.
Nur so können wir einer Umstellung des Straßenverkehrs auf Elektro den Weg ebnen. Beispiele in Kalifornien aber auch in China mit seinen Umwelt-Plaketten und seiner genormten Ladeinfrastruktur zeigen, dass Elektromobilität überall dort Erfolge verbucht, wo Politik Starthilfe gibt. Ich bin überzeugt, dass die politische Unterstützung über den Erfolg dieser Technologie entscheiden wird. Erfolg bedeutet, dass schädliche Emissionen signifikant verringert werden und dem Klimawandel effektiv entgegengewirkt wird. 

Wie könnte die Unterstützung aussehen?
Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Es gibt in Kalifornien die sogenannte HOV Lane bzw. Carpool Lane, eine spezielle Spur auf Autobahnen, die nur genutzt werden darf, wenn ein Auto mit ausreichend Mitfahrern ausgelastet ist. Als Kaufanreiz genießen Elektro-Autos hier einen Sonder-Status. Sie dürfen unabhängig von der Anzahl der Mitfahrer auf dieser Spur fahren. Zudem hat Kalifornien rund vier Milliarden US-Dollar in Förder- und Infrastrukturprogramme investiert. Der Fokus liegt auch auf der Aufklärungsarbeit. Dazu gehört mitunter Veloz, ein von der Politik initiierter Zusammenschluss führender Elektromobilitäts-Unternehmen, an der auch die BMW Group beteiligt ist. Hier werden Nachrichten gepostet, Kampagnen gehostet und Webinare angeboten. Durch Maßnahmen wie diese kann die Politik eine Situation schaffen, bei der sich die Vorteile der Elektromobilität potenzieren und so das Rad richtig in Schwung gebracht wird.