Politischer Rückenwind für Elektromobilität.

Bei der Elektromobilität hat China die richtigen Weichen gestellt. Dr. Wang Jiangyan, Direktorin des China Sustainable Transportation Centers of Energy Foundation in China erklärt, von welchen Entscheidungen sich andere Länder inspirieren lassen könnten.

Dr. Wang

 

Hallo Frau Dr. Wang, Sie haben mehr als 20 Jahre internationale Erfahrung in nachhaltiger Stadtplanung gesammelt. Derzeit arbeiten Sie an der Frage, welchen Beitrag die Elektromobilität dabei leisten kann. China hat hier offensichtlich eine Spitzenposition?

Absolut! Ende 2017 waren rund 40 Prozent aller zugelassenen Elektroautos weltweit in China unterwegs. Im Jahr 2017 wurden zudem 579.000 neue Elektrofahrzeuge in China verkauft. Das ist mehr als die Hälfte der Verkäufe weltweit. Und die beeindruckende Verbreitung der Elektromobilität nimmt weiter zu. Diese Entwicklung ist ein Erfolg vor allem der Maßnahmen der chinesischen Regierung. Sie hatte bereits vor rund acht Jahren erkannt, dass der Elektromobilität die Zukunft gehört. Sie hat entsprechende Maßnahmen eingeleitet und die Umsetzung konsequent vorangetrieben.

Was genau war der Grund für den Paradigmenwechsel, bei der Mobilität nicht mehr auf fossile Brennstoffe, sondern auf Strom zu setzen? 

Dass China mit Diesel- und Benzinfahrzeugen im individuellen Personenverkehr nicht weiterkommt, war offensichtlich geworden. Ein Beispiel dafür sind die Probleme mit der Luftverschmutzung. Alternativen wie Hybridantrieb oder Erdgas aber haben nicht das Potenzial wie ein elektrischer Antrieb. Er zeigt die überzeugendsten Fortschritte. Überall auf der Welt können wir beobachten, wie elektrische Mobilität ihre Kinderkrankheiten in Sachen Reichweite mehr und mehr hinter sich lässt. Gerade in dieser noch frühen Phase mussten und müssen wir die neue Technologie aber auch aktiv unterstützen. Die Politik in China hat genau das getan.

Welche Art von Unterstützung meinen Sie?

Ich meine vor allem finanzielle und politische Förderung. Finanziell kann eine Regierung sehr schnell Anreize schaffen: In China wurden die Betreiber des öffentlichen Personennahverkehrs in Städten kräftig bezuschusst, wenn sie auf elektrische Flotten umgestellt haben. Private Käufer haben deutliche steuerliche Vorteile erhalten, wenn sie ein elektrisch betriebenes Auto gekauft haben. Und sowohl Fahrzeughersteller als auch Zulieferer profitieren von finanziellen Entlastungen, wenn sie die Elektromobilität vorantreiben. Der Erfolg gibt diesen Maßnahmen Recht: Bis Ende 2019 werden fast zwei Millionen elektrisch betriebene Automobile auf den Straßen Chinas fahren. 

Und die politische Unterstützung?

Hier hat China wichtige Akzente gesetzt. Ein Beispiel ist die Normierung, die im Bereich Elektromobilität eine hohe Bedeutung hat. Wegen der finanziellen Förderungen gab es sehr schnell viele einheimische Hersteller, die den Markt erobern wollten. Außerdem haben internationale Automobilkonzerne verstärkt begonnen, für chinesische Kunden Elektrofahrzeuge zu produzieren. Das Problem dabei: Alle wollten ihre eigenen Standards nutzen. Unsere Regierung hat das sich entwickelnde Problem früh erkannt: Bald könnten die Städte mit Ladesäulen unterschiedlichster Hersteller zugebaut werden, Ladestecker wären inkompatibel und so weiter. Gerade für die chinesischen Mega-Städte, die ohnehin Platzprobleme haben, wäre das kontraproduktiv gewesen. Seit 2011 gibt es nun ein einheitliches Set an Normen, in denen wir Anschlüsse, Ladesäulen und Sicherheitsaspekte des Ladeprozesses genau definieren. 

Es war vermutlich nicht einfach, diese gemeinschaftlichen Standards durchzusetzen.

Wer für einen nationalen Markt produzieren will, der hat keine Wahl als sich daran zu halten – wenn die Regierung entsprechende Richtlinien vorgibt. Das hat sicher einige Diskussionen im Vorfeld erfordert, aber die chinesische Regierung hat die Aufgabe und die Möglichkeit, Entwicklungen umfangreich zu gestalten. Und sie hat es getan. 

Wie schätzen Sie das Image der Elektromobilität in China heute ein?

Dank der etablierten Standards und weil Elektromobilität zunehmend aus den Kinderschuhen herauswächst, wird die Technologie gerade unter jungen Menschen immer beliebter: Elektrisch betriebene Fahrzeuge sind schick, leise und sie stinken nicht. Elektromobilität ist das Antriebssystem der Zukunft. Auch, weil sie in der Regel in einem Atemzug mit weiteren Entwicklungen wie etwa dem halb- oder vollautonomen Fahren genannt wird. Benzin- und Dieselfahrzeuge hingegen werden zunehmend als etwas angestaubt und altmodisch angesehen.