Mutiges Versprechen?

Bis 2020 will die BMW Group ihren Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energien beziehen – weltweit! Daran will man sich in München messen lassen.

Bis 2020 will die BMW Group ihre jährlich mehr als 2,5 Millionen Fahrzeuge zu 100 Prozent grün produzieren. Das klingt ziemlich ehrgeizig, aufwändig, wenn nicht gar unrealistisch. „Weder noch“, behauptet Jury Witschnig, der bei der BMW Group in der strategischen Planung die nachhaltige Produktion verantwortet. Er nennt es schlicht: planbar.

Ein Gespräch mit Jury Witschnig über ein Ziel, das nicht mehr in allzu weiter Ferne liegt.

2017 gab die BMW Group auf der UN-Klimakonferenz erstmals bekannt, bis 2020 nur noch Strom aus erneuerbaren Energien beziehen zu wollen. Hat man sich da nicht etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt?

Jury Witschnig: Warum? In Europa haben wir dieses Ziel heute schon erreicht. Weltweit sind wir mit 81 Prozent zwar noch nicht ganz so weit – doch das werden wir bis 2020 schaffen. Da habe ich keinerlei Zweifel.

Was macht Sie so sicher?

Wir haben schon viel Vorarbeit geleistet. Außerdem steckt hinter der Vision einer CO2-freien Energieversorgung ja nicht nur die Idee, fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas durch erneuerbare Energien wie Wind oder Sonne zu ersetzen…

Sondern?

… sorgsam mit der Umwelt und den Ressourcen umzugehen. Das sind wir unseren Kunden schuldig. Wir tun es ehrlich gesagt aber auch im eigenen Interesse. Energie ist teuer. Nicht zuletzt deswegen, haben wir den Energieverbrauch pro produziertes Fahrzeug in den letzten Jahren kräftig gesenkt. Heute liegt dieser schon um rund 37 Prozent niedriger als 2006. Das soll auch so bleiben, selbst bei ansteigender Produktion. Daher überwachen und optimieren wir unseren Verbrauch nicht nur regelmäßig im laufenden Betrieb, sondern auch bei der Planung neuer Prozesse.

Bleibt immer noch eine Menge grüne Energie, die ja irgendwoher kommen muss.

Nachhaltigkeit ist kein Zufallsprojekt. Aus diesem Grund haben wir schon vor Jahren eine Strategie entwickelt. Das heißt, wir wissen genau, welcher unserer weltweit 31 Standorte sich für Solar eignet und welcher für Windenergie, wie viel Grünstrom wir einkaufen können, ob es Investitionspartner gibt und was in der Politik passiert. Auf diese Weise haben wir den Anteil an regenerativen Energien an allen Standorten sukzessive erhöht.

Mit dem Ergebnis, dass die BMW Group heute nicht nur Windturbinen, sondern auch 30.000 Rinder vor ihren Werken stehen hat.

Was sinnvoll ist. Immerhin tragen die Windkraftanlagen an unserem Standort in Leipzig dazu bei, dass wir den BMW i3 zu 100 Prozent mit CO2-freiem Strom produzieren können. Und mit dem Dung der Vierbeiner vor unserem Werk in Rosslyn, Südafrika, erzeugt eine Biogasanlage fast ein Viertel des von uns vor Ort benötigten Stroms. Von diesem Ergebnis sind wir so begeistert, dass wir gerade darüber nachdenken, die Herde noch einmal deutlich zu vergrößern.

Wäre es nicht einfacher, Grünstrom einzukaufen?

Vielleicht einfacher, aber auch ziemlich langweilig – und weniger wirtschaftlich. Wir sind ja von Haus aus Ingenieure und fasziniert von neuen Technologien. Hier gibt es gerade viele interessante Entwicklungen, deren Potenziale wir ausnutzen wollen. Dazu gehören beispielsweise Photovoltaikanlagen, die in dem einen oder anderen Werk schon bald eine Rolle spielen könnten.

In Leipzig nutzt die BMW Group sogar alte BMW i3-Batterien? 

Sie meinen unsere Speicherfarm? Ja, das ist spannend. Dort treten wir gerade mit rund 530 BMW i3 Batterien den Beweis an, dass alte Elektro-Batterien durchaus noch ein sinnvolles „zweites Leben“ haben – nämlich als Pufferspeicher für erneuerbare Energien. In Leipzig trägt die Batteriefarm dazu bei, die Energie der Windräder auf dem Werksgelände in das Stromnetz zu integrieren. Das spart Strom und Geld und ist auch im Rahmen der bevorstehenden Energiewende ein interessanter Baustein.

Allen Bemühungen zum Trotz, zugekauft werden muss trotzdem?

Wir werden in den nächsten Jahren nicht auf den Zukauf von Strom verzichten können, setzten hierbei aber auf Strom aus zu 100 Prozent erneuerbaren Quellen. Wir bauen gerade an sieben Standorten unsere Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen aus, um die effiziente und umweltschonende Wärmeerzeugung in der Produktion zu erhöhen. Gerade für die Wärmeerzeugung reichen unsere alternativen Energiequellen noch nicht aus. Hier bräuchten wir, bildlich gesprochen, gleich mehrere Fußballfelder mit Solarthermie – oder eben Geothermie, doch die ist leider nicht überall vorhanden. 

Warum preschen Sie jetzt mit dem Ziel, zu 100 Prozent grünen Strom beziehen zu wollen, in die Öffentlichkeit? Was bringt Ihnen die Vorreiterrolle?

Deutschland hat sich 2015 zu den Klimazielen von Paris bekannt. Damit gehen ehrgeizige Ziele einher, die wir nur gemeinsam erreichen – und wenn Unternehmen wie wir Verantwortung übernehmen. Allerdings müssen wir hier konsequent sein und ganzheitlich denken. Nachhaltige Mobilität besteht ja schließlich nicht nur aus emissionsarmen Fahrzeugen auf der Straße. Oder anders gesagt: Elektroautos entwickeln nur dann ihr volles Potenzial, wenn sie auch emissionsfrei produziert werden.

Da können Sie ja direkt bei ihren Lieferanten anfangen.

Da haben Sie Recht, ganzheitliches Denken muss auch das einschließen. Und genau das tun wir bereits. Schließlich messen wir unsere weltweit mehr als 12.000 Lieferanten an den gleichen ökologischen Standards, an denen sich auch die BMW Group messen lässt. Das heißt, wir sehen uns hier als Multiplikatoren in der Pflicht und ermutigen unsere Lieferanten, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen, ebenfalls Ressourcen zu sparen und in erneuerbare Energien zu investieren. Viele von ihnen haben das schon verstanden und geben diese Botschaft jetzt wiederum an ihre Lieferanten weiter. Das funktioniert wunderbar  – wie in einem Schneeballsystem.