Müll? Was ist das?

Alice Grindhammer ist Mitglied des globalen Responsible Leaders Netzwerks der BMW Foundation Herbert Quandt. Das „Enfant terrible“ unter den Sozialunternehmern ist fest davon überzeugt, dass nachhaltiges Wirtschaften profitabel ist und das bisherige Denken in den Unternehmen verändern wird. In ihrem CRCLR-House schafft sie die Voraussetzung, ökologische und soziale Ideen zu verbinden und Projekte zu verwirklichen.

Hallo Frau Grindhammer, Sie glauben an die »Kraft des Guten« in der Wirtschaft und haben sich als »Fan des Geldes« geoutet. Gleichzeitig treten Sie für eine ökologische und soziale Revolution ein, bei der unser Wirtschaftssystem einem grundlegenden Wandel unterworfen wird. Wie passt das zusammen?

(lacht) Das passt gut zusammen! Wirtschaftsprozesse, wie wir sie kennen, sind linear: Aus Rohstoffen wird ein Produkt, das Produkt kommt zum Konsumenten. Es wird genutzt und landet schließlich auf dem Müll. Dieses lineare Wirtschaftsdenken haben wir mehrere 100 Jahre lang praktiziert. Es scheint manchmal fast schon auf Autopilot zu laufen. Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Es wird immer offensichtlicher, dass dieses System weder für die Umwelt noch für die Menschen arbeitet. Wenn wir das ändern wollen, können wir uns der Möglichkeiten bedienen, die uns die Wirtschaft bietet. Aber das bedeutet unter anderem: Wirtschaft neu zu denken und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die vorrangig eine positive soziale und ökologische Auswirkung erzielen wollen und dabei trotzdem noch finanziell profitabel sind.  

Mit der „neuen Art des Wirtschaftens“ meinen Sie die Kreislaufwirtschaft?

Richtig. Kreislaufwirtschaft bedeutet unter anderem, die Beziehungen zwischen Produktion, Konsum, Markt und Ressourcen neu zu denken und zu erkennen, dass alles einen Wert besitzt. Wir müssen also Mittel und Wege finden, wie Produkte so konzipiert und gebaut werden, dass sie nach dem Verbrauch wiederverwertet, aufgearbeitet oder umgewidmet werden können. So wird – quasi nebenbei – auch das Konzept Müll ad acta gelegt. Denn wir haben keinen Planet B.

Sie haben Politikwissenschaften, Soziologie und European Business mit Schwerpunkt „Finance” studiert. Und Sie haben im Laufe ihrer Karriere die Recyclingindustrie rund um den Globus kennengelernt. Sie waren unter anderem zuständig für den Handel mit Recyclingpapier in Südeuropa und für die Wiederverwertung von Recycling-Kunststoff durch den Hamburger Hafen für den Verkauf in Asien. In Amman haben Sie daran mitgearbeitet das Recyclingsystem zu verbessern. Und Sie waren an der Entsorgung gefährlicher Abfälle von ISAF-Stützpunkten in Afghanistan beteiligt.

Überall auf der Welt sehe ich Unternehmen, die dafür zuständig sind, den Müll „nur“ aufzuräumen, also ihn wegzuschaffen. Was wir suchen sind ganzheitliche Lösungen für den gesamten Produktions- und Abfallzyklus. Wir brauchen dafür Produkt- und Service Designer, die Produkte aus der Recyclingperspektive entwickeln, damit sie später nicht zu Müll werden, sondern qua design weiterverwendet werden können. Hier müssen wir ansetzen. Dabei geht es aber nicht um den einen, großen Wurf. Wir stehen vor einer Mammutaufgabe, die wir nur Schritt für Schritt bewältigen können. Entscheidend dabei ist, soziale und ökologische Aspekte in die Gewinn- und Verlustrechnung mit einfließen zu lassen. Denn was bringt uns langfristig eine Wirtschaft, die für wenige Profitabel ist aber die Ungleichheit und ökologischen Katastrophen verstärkt? Wir brauchen eine Wirtschaft, die soziale und ökologische Mehrwerte ins Zentrum ihres Handelns rückt.

Was heißt das konkret?

Beispiel Bauindustrie: Gebäude, die heute abgerissen werden, werden mit Bauschutt und Abfall gleichgesetzt. Ich sehe das anders. Gebäude sind Ressourcenlager. Ähnliches gilt auch für Fahrzeuge. Ich bin froh, dass es in kleinen und großen Unternehmen viele kluge Menschen gibt, die sich Gedanken machen über die Mobilität der Zukunft. Sie fragen beispielsweise, wie bei der Produktion von Fahrzeugen Primärrohstoffe vermieden werden können, um stattdessen Sekundärrohstoffe zu nutzen. Überlegungen, wie sich ein Fahrzeug so designen lässt, dass es in Bezug auf Rohstoffe letztlich aus alten Fahrzeugen besteht, sind ein elementarer Schritt und beispielgebend für die Kreislaufwirtschaft.

Sie sehen Unternehmen wie die BMW Group also als wichtigen Partner an, weil sie Sie dabei unterstützen können, Brücken in Richtung Nachhaltigkeit zu bauen.

Selbstverständlich. Ein Beispiel ist der Ansatz der Fahrzeugbauer, über die klassische Automobilentwicklung und den Automobilbau hinauszudenken und an Konzepten zu arbeiten, die eine umfassende und nachhaltige Mobilität gewährleisten. Die hohe Akzeptanz beispielsweise von Carsharing-Modellen zeigt, dass sich unsere Vorstellung von Mobilität gewandelt hat. Es geht nicht mehr darum ein eigenes Fahrzeug zu besitzen, sondern komfortabel, sicher, kostengünstig und umweltverträglich von A nach B zu kommen. Die Weiterentwicklung von Automobilunternehmen zu umfassenden Mobilitätsdienstleistern nimmt diesen Gedanken auf und macht ihn profitabel. Jetzt steht die Herausforderung an ein zirkuläres Mobilitätskonzept ohne Müll zu entwickeln. Alles müsste reparierbar oder weiterverwendbar sein.

Aber das können nur die ersten Schritte sein auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft.

Wir brauchen eine Kombination verschiedener Ansätze: Zum Ersten durch kreative Menschen, die daran arbeiten beispielsweise Automobilbau und Mobilität nachhaltiger zu gestalten. Und zum Zweiten durch Shareholder, die um die Profitmöglichkeiten nachhaltigen Wirtschaftens wissen. Dazu gehört zum Dritten auch eine Marktlogik, bei der Menschen verstärkt nachhaltige Produkte nachfragen und sie sich auch leisten können. Und schließlich werden wir auch weiteren Druck durch rahmengebende Gesetze benötigen.

Mittlerweile verstehe ich, warum einige Kolleginnen und Kollegen Sie als »pragmatische Revolutionärin« bezeichnen ...

… Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit müssen aus der Nische raus und auch in der Wirtschaft Fuß fassen. Wir müssen mit den Konzepten Geld verdienen. Sonst kann nur eine kleine Elite sich einen solchen Lebensstil leisten und wir können die großen Krisen unserer Zeit nicht erfolgreich lösen. In unserem CRCLR-House ist das ein zentraler Ansatz.

Ihr Circular Economy House in Berlin ist so etwas wie ein Katalysator für den Wandel.

Wir haben ein 99jähriges Nutzungsrecht für ein rund 2.000 m² großes Brauereigebäude. Das bauen wir gerade um. Hier wollen wir unser Angebot erweitern, damit immer mehr Personen und Institutionen ihre Ideen austauschen können und gemeinsam an Projekten der zirkulären Wirtschaft arbeiten. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir so etwas wie ein Momentum erleben: Der Zeitgeist ist da für ein Umdenken und neu Handeln! Wenn wir ihn nutzen, dann werden in einigen Jahrzehnten die Kinder über ungenutzte „Abfälle“ vielleicht nur noch in den Geschichtsbüchern lesen. Dann fragen sie hoffentlich: Müll? Was ist das denn gewesen?