Dr. Giovanni Circella vor seinem Shuttle

Neue mobile Freiheiten.

Welche Angebote wünschen sich junge Menschen für eine sichere, komfortable und immer nachhaltigere Mobilität? Der international renommierte Stadtentwicklungs- und Verkehrsforscher Dr. Giovanni Circella erklärt die Mobilitätserwartungen der „Next Generation“.

 

Jeden Freitag gehen in Europa immer mehr Schüler und Schülerinnen, Studierende und zunehmend auch Erwachsende auf die Straße, um eine nachhaltige Zukunft zu fordern. Ein eigenes Auto zu besitzen, dürfte also nicht unbedingt auf der Bucket List dieser Menschen stehen?

Es scheint, das Statussymbol „eigenes Fahrzeug“ hat bei vielen jungen Menschen an Bedeutung verloren. Heute zählen vor allem Smartphones und die eigenen Gewohnheiten, Überzeugungen und Neigungen. Dazu gehört beispielsweise das Interesse an einem veganen Lifestyle. Das heißt aber bei weitem nicht, dass junge Leute nicht hochgradig mobil sind. Sie wollen die Welt erkunden und fremde Kulturen kennenlernen. Zu diesem Lebensstil gehört jedoch unter Umständen immer noch ein Auto.

Eine Lösung, auf die viele Ihrer Forschungen als Direktor des „3 Revolutions Future Mobility Program“ an der University of California in Davis und als leitender Forschungsingenieur an der School of Civil and Environmental Engineering des Georgia Institute of Technology hinauslaufen, ist die „Mobilität auf Abruf“.

Richtig. Die Erwartung immer dann ein Fortbewegungsmittel zur Verfügung zu haben, wenn ich es wirklich brauche und mich nicht mehr darum kümmern zu müssen, wenn ich es nicht mehr brauche, wird immer ausgeprägter, auch wenn dies bisher noch eher ein Nischenphänomen ist und die meisten Verkehrsteilnehmer sich immer noch auf das Auto verlassen, zumindest im amerikanischen Markt.

Sie sprechen davon, dass junge Menschen ein eigenes Fahrzeug sogar eher als Belastung empfinden könnten.

In einem gewissen Sinn schon. In der Stadt ist ein eigenes Auto nur selten der schnellste und komfortabelste Weg von A nach B. Denn Sie müssen das Fahrzeug ja von A, also dem Stellplatz vor dem Haus, irgendwann im Laufe des Tages wieder nach A zurückbringen und Sie verlieren beim Umsteigen auf andere Verkehrsmittel während des Tages Zeit. Zudem wird Parkraum immer teurer. Sie zahlen also auch für all die Stunden, in denen ihr Auto nicht genutzt wird. Verkehrsstaus nehmen ebenfalls zu. Bei der „Mobilität auf Abruf“ nutzen Menschen ein Fahrzeug aber nur dann, wenn sie es brauchen und greifen auf andere Transportmittel zurück, wenn dies bequemer ist. Zumindest in dicht besiedelten städtischen Gebieten ist das ebenso einfach wie logisch. Dazu müssen die Menschen ihre Gewohnheiten jedoch stark verändern und nicht alle Kunden werden dazu bereit sein. Außerdem sind auf der Anbieterseite erhebliche Investitionen und eine Zusammenarbeit aller Interessengruppen erforderlich.

Dr. Giovanni Circella

Sie gehen also davon aus, dass sich Carsharing als zentrales Element der Mobilitätsangebote in einer Stadt durchsetzen wird?

Das wäre zu kurz gegriffen. Am Institute of Transportation Studies am University of California in Davis fassen wir Mobilität ganzheitlich auf: Es spielt also zunächst keine Rolle, ob Sie sich mit einem Auto, einem Roller, einem Fahrrad oder zu Fuß durch die Stadt bewegen beziehungsweise ob Sie öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Es kommt auf die Bedürfnisse in der jeweiligen, individuellen Situation an. Bin ich in der Peripherie unterwegs? Muss ich schwere Gegenstände transportieren? Will ich ins Büro? Oder treffe ich mich mit Freunden? Entsprechend unterschiedlich fällt auch die Antwort aus, welches Mobilitätsmittel ich gerade wähle.

Welche Rolle spielt die BMW Group bei der Gestaltung dieser jungen und nachhaltigen Mobilität? Hier liegt der Fokus eigentlich auf Automobilen …

... aber zunehmend auch auf Dienstleistungen rund um die Mobilität. Genau das ist der Punkt! Die BMW Group hat beispielsweise gemeinsam mit dem Mitbewerber Daimler eine App auf den Markt gebracht, in der nicht nur die eigenen Carsharing-Angebote, sondern auch E-Bikes von Dritt-Anbietern gefunden werden können. Diese haben sich vor kurzem unter dem Markennamen „Reach Now“ zusammengeschlossen. Solche Initiativen geben die richtige Richtung vor und müssen nun ausgebaut werden, um das traditionelle – und immer noch gewinnträchtigste – Geschäftsmodell der Automobilindustrie, zu ergänzen. Zudem trägt das Unternehmen dazu bei, dass Städte vermehrt Mobility-as-a-service Plattformen etablieren und die Elektro-Mobilität unterstützen.

Welche Rolle spielen denn Stadtverwaltungen?

Die Regierungen und Verwaltungen von Städten sind natürlich prädestiniert, um verschiedene Mobility-Angebote, die einer multimodale Fortbewegung und einem gesünderen Lebensstil dienlich sind, voranzutreiben, darunter auch Mobility-as-a-service. Ihr großer Vorteil dabei: Städte verfügen sowohl über Entscheidungsgewalt als auch umfangreiche Echtzeit-Daten, beispielsweise zu Verkehrserhebungen, der Auslastung von Parkräumen oder den Grünphasen von Ampelschaltungen. Mit diesen Informationen können sie punktgenau Akzente setzen, bei deren Umsetzung sie externe Mobilitätsexperten und Dienstleister unterstützen.