Mehr Mobilität, aber weniger Privatfahrzeuge.

Prof. Daniel Sperling gehört zu den renommiertesten Experten für nachhaltige Mobilität. Bei einem Treffen mit Experten der BMW Group diskutierte er unter anderem Pläne, den Besitz von Fahrzeugen zu reduzieren. Im Interview erklärt er, wie das funktionieren könnte.

Daniel Sperling, Gründungsdirektor des Institute of Transportation Studies an der University of California in Davis besuchte die BMW Group in ihrer Zentrale in München, um die Zukunft nachhaltiger und integrierter Mobilität in den Städten zu diskutieren. Der internationale Experte für Transporttechnologie mit dem Schwerpunkt Energie und Umwelt erhielt 2013 den Blue Planet Prize, der als Nobelpreis für Umwelttechnologie bezeichnet wird. Mit dieser Auszeichnung wurden die Leistungen Sperlings gewürdigt, denn er bringt Vordenker und Strategen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zusammen, um wegweisende Fahrzeug- und Kraftstoffkonzepte zu entwickeln.

Welches sind für Sie momentan die größten Herausforderungen bei der Mobilität in den Städten?

Es liegt auf der Hand, dass das hohe Verkehrsaufkommen und die fehlenden Parkmöglichkeiten in fast allen Städten der Welt ganz oben auf der Liste stehen. Meiner Meinung nach besteht das größte Problem aber darin, dass der Zugang zu bestimmten Technologien nicht allen gleichermaßen offensteht. Insbesondere bei der Elektromobilität stellt sich das Problem des ungleichen Zugangs für eine Vielzahl von Leuten, für die ein Elektrofahrzeug durchaus infrage kommen würde. Wir müssen sicherstellen, dass wir auch Personen mit niedrigem und mittlerem Einkommen den Zugang zur Elektromobilität ermöglichen. Aus diesem Grund wird dieses Thema, wie hier z. B. in Kalifornien, von Politikern intensiv diskutiert.

Welche Lösungen gibt es für dieses Problem des ungleichen Zugangs? Welche Maßnahmen und Aktivitäten sind in urbanen Umgebungen notwendig?

Um den Zugang zur Elektromobilität einem größeren Personenkreis zu ermöglichen, muss zunächst das Angebot erweitert werden. In Amerika sind wir so stark vom Auto abhängig, dass Alternativen nahezu chancenlos sind. Das Auto lässt sich nur schwer ersetzen. Dennoch müssen wir mehrere Alternativen zum Privatfahrzeug anbieten und den Menschen neue Möglichkeiten eröffnen. Eine entsprechende Auswahl an Mobilitätsservices spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Sie sprechen von mehreren Alternativen und einer Auswahl an Mobilitätsservices. Haben Sie konkrete Ideen zur Umsetzung?

Zunächst einmal wäre eine engere Verknüpfung bzw. Integration der Personenbeförderung mit privaten Mobilitätsservices wichtig. Dabei geht es nicht unbedingt um institutionelle Kooperationen, sondern um praktische, kundenorientierte Lösungen. Ich denke da beispielsweise an Kundenkarten für Geringverdiener, die z. B. einen Dollar Ermäßigung bekommen, wenn sie Uber oder Lyft gemeinsam mit anderen Personen nutzen. Mit solchen Modellen würde man Synergien bei der Personenbeförderung nutzen und die Anzahl gemeinsamer Fahrten im Nahverkehr erhöhen.

Dieses Beispiel verdeutlicht auch die Probleme, mit denen wir gegenwärtig aufgrund von Insellösungen bei der Finanzierung konfrontiert sind. Wir brauchen einen völlig neuen Ansatz, der die Nutzer unterstützt. Wir müssen uns bewusst machen, dass die Kosten des Personennahverkehrs in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Wenn wir die Chancen erkennen, die sich aus neuen Transportmitteln ergeben, können wir mehr Leuten bessere Dienstleistungen zu geringeren Kosten bereitstellen.

Zweitens sollte man öffentliche Verkehrsmittel gezielter einsetzen, d. h. fixe Fahrpläne sollte es nur dann geben, wenn es sich auch tatsächlich lohnt. Der Betrieb von öffentlichen Verkehrsmitteln muss in Gebieten mit niedriger Bevölkerungsdichte zurückgefahren werden, da er zu teuer ist und stark subventioniert werden muss. Anstelle des flächendeckenden Angebots an öffentlichen Verkehrsmitteln sollten in solchen Regionen nur stark frequentierte Strecken bedient und Zubringerdienste ausgebaut werden. Personen, die in solchen Gebieten leben, könnten für Kurzstrecken z. B. die Dienste von Uber oder Lyft nutzen oder mit einem Elektroroller oder Leihfahrrad zur nächsten Bus- oder Bahnhaltestelle fahren. Niedrigverdiener müssten natürlich unterstützt werden, damit sie sich diese Dienste auch leisten können. Das ist genau das, was ich mit einer größeren Auswahl an Möglichkeiten meine. Auf diese Weise könnten Städte mehr Leuten bessere Dienstleistungen zu günstigeren Preisen anbieten.

Welche Rolle spielt automatisiertes Fahren in Ihrer Vision der mobilen Zukunft?

Der Einsatz von autonomen Fahrzeugen wäre bei der Umsetzung meiner Vision in der Tat sehr hilfreich, da ich ja die verstärkte Nutzung von Taxidiensten propagiere und diese Dienstleistungen immer noch sehr teuer sind. Es ist die Aufgabe der Politik, Anreize für die gemeinsame Nutzung von Taxidiensten zu schaffen. Eine Automatisierung in diesem Bereich würde zu einer drastischen Senkung der Beförderungskosten führen. Damit würde man sowohl soziale Gerechtigkeit fördern als auch für einen nachhaltigen Personentransport sorgen. Kurze Fahrten mit dem Auto wären dann nicht mehr notwendig und es gäbe mehr Optionen für die Beförderung auf Kurzstrecken.

Wie würden Sie Ihr Konzept mit wenigen Worten beschreiben?

Um es in einfachen Worten auszudrücken: wir möchten mehr Mobilität, mehr Kilometer bei der Fahrgastbeförderung, eine geringere Nutzung von Privatfahrzeugen, mehr gemeinschaftliche Nutzung, ein verbessertes Transportsystem und bessere Mobilität auf Kurzstrecken. Ganz radikal gesagt: Die Anzahl von Privatfahrzeugen muss sinken. Nur so können wir ein nachhaltiges Verkehrssystem schaffen.

Das hört sich nach einem grundlegenden Wandel an. Wie lassen sich Verbraucher für Ihre Ideen gewinnen?

Es ist natürlich zwingend notwendig, dass die Verbraucher das zuvor beschriebene Szenario unterstützen und gewillt sind, sich entsprechend umzustellen. An der UC Davis gibt es Forschungsprojekte, in denen wir die Entscheidungen der Verbraucher bei der Nutzung eigener bzw. gemeinsam genutzter Elektrofahrzeuge untersuchen. Die Entscheidung wird von vielen Faktoren beeinflusst. Finanziell gesehen schneiden Mobilitätsservices sehr gut ab, da sie günstiger als Privatfahrzeuge sind. Wenn wir das Ganze jedoch unter hedonischen Gesichtspunkten betrachten, d. h. Zeitaufwand, Komfort und Bedürfnis nach Privatsphäre, schneiden Elektrofahrzeuge schlechter ab, insbesondere dann, wenn sie gemeinsam genutzt werden. 

Hier muss die Politik tätig werden. Vorschlagen würde ich marktorientierte Ansätze und Anreize für die Nutzung von Pooling-Systemen. Um es in einfachen Worten auszudrücken: Die meisten Städte verlangen eine Gebühr von Anbietern wie Uber, die Fahrgemeinschaften unterstützen. Sie sollten aber eher die Anbieter in die Pflicht nehmen, die nur eine Person befördern, oder die Gebühren für Fahrzeuge senken, die eine Berechtigung für die Nutzung der Fahrspur für Fahrzeuge mit mehreren Insassen haben. Mit einer solchen Preisstrategie könnten viele Alleinfahrten vermieden werden.

Für die Automobilbranche ist das natürlich eine große Herausforderung. Fahrzeuge würden als Ware betrachtet werden und Luxus, Design und Fahrerlebnis an Bedeutung verlieren. Premiumhersteller wie BMW müssten sich entsprechend umstellen.  

Sie haben uns sehr interessante Einblicke gegeben, welchen Beitrag einzelne Kunden und Pendler zu einem nachhaltigen Transportsystem leisten können. Aber wie kann man Institutionen wie Universitäten, Polizei- und Regierungsbehörden dazu bewegen, Elektrofahrzeuge in ihren Flotten einzusetzen? Welche Untersuchungen sind hierzu erforderlich? 

Die Nutzung von Elektrofahrzeugen in großen Flotten bietet auf den ersten Blick einige Vorteile: geringere Energie- und Wartungskosten, höhere Zuverlässigkeit und längere Nutzungsdauer. Zudem können das Versorgungsnetz und die Netzbetreiber von dem verstärkten Einsatz von Elektrofahrzeugen profitieren. Die Fahrzeuge werden passiv aufgeladen und die Elektronen können aktiv zurück ins Netz einspeist werden. Dieses Konzept namens V2G (Vehicle to grid) ist sehr profitabel, insbesondere in Regionen wie Kalifornien, wo der Stromverbrauch manchmal sogar ein Plusgeschäft ist. Es gibt bereits Untersuchungen, wie sich mit dem Einsatz von elektrisch betriebenen Schulbussen auf der Basis der V2G-Technologie Geld verdienen lässt. Es bedarf vieler weiterer Forschungsprojekte, damit wir Betreibern von Flotten kreative Wege aufzeigen können, wie sie ihre Elektrofahrzeuge gewinnbringend einsetzen können. Forschungs- und Entwicklungsprojekte wie das laufende mit BMW Nordamerika werden zu einem Paradigmenwechsel im Energie- und Mobilitätssektor führen.

Wir bedanken uns bei Professor Dan Sperling für dieses interessante Interview. Weiterführende Literatur: In dem kürzlich veröffentlichen Buch mit dem Titel „Three Revolutions“ erläutert Professor Sperling auf der Basis von Forschungsergebnissen die Vorteile und Auswirkungen der Automatisierung, der gemeinschaftlichen Nutzung und der Elektromobilität.