Indische Frauen besprechen eine Rechnung

Leichte Beute.

Rakesh Nair deckte zusammen mit der indischen Organisation MSS SEVA eine der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen auf: Den Frauenhandel an der indisch-nepalesischen Grenze. Seitdem hat sich für die Frauen und Mädchen aus den bitterarmen Himalaya-Dörfern einiges verändert.

Rakesh Nair ist ein ruhiger, bescheidener Mann. Wie viel Durchsetzungskraft und Ausdauer in ihm stecken, wird einem erst bewusst, wenn er von seiner gemeinnützigen Organisation SEVA erzählt. Denn Rakesh setzt sich für Menschen ein, die in der öffentlichen Wahrnehmung lange kaum zu existieren schienen: Frauen und Mädchen aus Nepal, die unter falschen Versprechungen verschleppt und als Sexsklavinnen oder billige Arbeitskräfte nach Indien verkauft werden.

Bis zu 10.000 junge Frauen und Mädchen passieren jährlich die 1.751 Kilometer lange Grenze zwischen Nepal und Indien. Viele kommen aus den Dörfern des Himalayas und mischen sich unbemerkt unter die Migranten. Die meisten der Mädchen sind zwischen 9 und 16 Jahre alt. Informationen eines UN Reports zufolge werden etwa 250.000 nepalesische Frauen in indischen Bordellen festgehalten. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein.

„Die schlimmen Lebensbedingungen machen es Kriminellen leicht, Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder wegzugeben, damit sie ein mutmaßlich besseres Leben haben“, sagt Rakesh, der eigentlich Arzt werden wollte. Schon während des Studiums wurde er auf seinen Reisen in die abgeschiedenen Dörfer des Himalayas mit Menschenhandel konfrontiert. Rakesh erkannte die Not der Menschen, war berührt von ihrer Dankbarkeit – und blieb. Er schloss sich SEVA an, einer kleinen Nichtregierungsorganisation, die sich in den Grenzregionen von Uttar Pradesh um die Förderung von Frauen kümmerte. Zusammen mit seinen Mitstreitern von SEVA besuchte er Bordelle, traf sich mit den Opfern und informierte die Öffentlichkeit. „Als wir 2002 begannen direkt an der indisch-nepalesischen Grenze zu intervenieren, waren wir komplett allein. Menschenhandel wurde nicht einmal wahrgenommen. Dafür mussten wir erst ein Bewusstsein schaffen“, erzählt Rakesh. Seitdem ist viel passiert. Das Team klärte auf, organisierte gemeinsam mit anderen NGOs Workshops und schulte über 6.000 Grenzbeamte. Inzwischen hat die indische Regierung die Bedrohung erkannt, hat die Grenzpatrouillen aufgestockt und die Zusammenarbeit mit SEVA intensiviert. Seitdem konnten 12.000 Opfer von Menschenhändlern gerettet werden. Sie wurden zu ihren Familien zurückgebracht oder fanden Zuflucht in Einrichtungen gemeinnütziger Organisationen. 45 Menschenhändler wurden verurteilt.  

Rakesh Nair erhält den Intercultural Innovation Award der BMW Group und der United Nations Alliance of Civilisations

Doch Rakesh erkannte schnell, dass die Verbrechen nicht nur an den Grenzübergängen stattfinden, sondern auch innerhalb der indischen Grenzregionen. Hinzu kam, dass das Problem nicht damit gelöst war, die Oper abzufangen, zu retten und sie zurück in ihre Dörfer zu schicken. Mit SEVA setzt Rakesh daher schon früher an, bekämpft Armut, da, wo sie entsteht, schafft Lebensgrundlagen, fördert Schul- und Weiterbildung und informiert über Themen wie  Kinderrechte, Gesundheit oder den Klimawandel. Immer im Fokus: Die Förderung der Frauen und Kinder. Davon profitierte auch Reshma. Sie stammt aus einem kleinen Dorf im Maharajganj-Distrikt, einem der rückständigsten Gebiete des indischen Bundesstaates Uttar Pradesh. Mit Hilfe von SEVA konnte sie einen Kredit aufnehmen und sechs Handpumpen installieren lassen, die das Dorf heute mit sauberem Trinkwasser versorgen. Es war ein erster Schritt. „Jetzt haben wir angefangen, uns zu organisieren“, erzählt sie. Denn das sei nötig, um von den Beamten überhaupt wahrgenommen zu werden. „Heute hören sie uns nicht nur zu, sie respektieren uns auch“, berichtet sie.

Mit Unterstützung nationaler und internationaler Partner hat das Team seinen Wirkungskreis in der Grenzregion kräftig ausgebaut und erreicht heute etwa eine Millionen Menschen. Die kleine Organisation, der Rakesh vor fast 20 Jahren beitrat, wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet und erhielt 2014 den Intercultural Innovation Award, der jährlich von der BMW Group und der United Nations Alliance of Civilisations (UNAOC) für herausragende soziale Konzepte verliehen wird.

Rakesh kann stolz auf sich sein, mit SEVA hat er viel geschafft. Doch er weiß: „Es braucht noch viel Zeit, um die Situation der Frauen und Mädchen in der Region zu stabilisieren.“