Daniela Bohlinger

Es gibt keine „Abfälle“.

Die BMW Group nähert sich Schritt für Schritt ihrem Ziel, möglichst alle zur Produktion von Fahrzeugen eingesetzten Materialien wieder zu verwerten. Bewegungen wie Fridays for Future können dabei hilfreich sein. Im Interview erklärt Daniela Bohlinger, Leiterin „Sustainability in Design“ bei der BMW Group, wieso.

Hallo Frau Bohlinger, Sie sind unter anderem verantwortlich dafür, die Fahrzeuge der BMW Group so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Ihr Werdegang aber hat mit einer Ausbildung zur Goldschmiedin begonnen. Kommt daher Ihr starkes Interesse, möglich alle Reste wieder zu verwenden?

Da ist was dran. Als Goldschmiedin hatte ich ein Stück Fell auf dem Oberschenkel, damit abgenommenes Material aufgefangen und wieder eingeschmolzen werden kann. Das ist gelebte Kreislaufwirtschaft und steht – im übertragenen Sinn – für eines der zentralen Nachhaltigkeitsziele der BMW Group: Mit eingesetzten Materialien sorgsam und Intelligent umzugehen und darauf zu achten, möglichst wenig Verlust zu haben

Sie wehren sich gegen den Begriff Abfall …

weil sich letztlich alles verwerten lässt. Das meiste ist nutzbar, um etwas Neues herzustellen …

Zum Beispiel? 

Alte PET-Flaschen! Wir nutzen Sie für die Sitzbezüge im i3 und auch bei MINI.

Trotzdem bekommen Sie die Kategorie „Abfall“ auch bei BMW nicht aus den Köpfen.

Wir sind leider über Jahrzehnte so erzogen worden, dass wir Neues wertschätzen und dem Alten wenig Wertigkeit zubilligen. Aber ich beobachte einen Paradigmenwechsel. Denken Sie an die vielfältigen Upcycling-Ideen, die rund um den Globus entwickelt werden. Ein Beispiel sind Flohmärkte, auf denen Menschen alte Möbel kaufen, um sie aufzufrischen.

Dieser Bewusstseinswandel findet aber eher im Privaten statt.

Die Industrie hat sich die letzten 100 Jahre darauf spezialisiert, Neues zu produzieren. So ist Überfluss entstanden und wir hatten den Eindruck, dass die Wertigkeit des einzelnen Produkts gering ist. Das aber ändert sich. Auch in der Industrie hat längst ein Umdenken begonnen. Wir stehen nun vor der spannenden und fordernden Aufgabe, Wachstum zu schaffen, bei dem Produkte im Vordergrund stehen, deren Materialen bereits aus dem Konsumkreislauf stammen.

Als Produktdesignerin arbeiten Sie genau an dieser Schnittstelle. Wie kann es gelingen, Nachhaltigkeit von Anfang an in das Produktdesign zu integrieren?

Es gibt Beispiele, wie das gelingen kann. In der Kunstrichtung Bauhaus haben die Designer vor 100 Jahren mit wenigen Materialien und einfachen Verbindungen gearbeitet und Designklassiker entworfen, die noch heute Richtschnur sind. Von diesen Erfahrungen kann auch die BMW Group partizipieren. Ich überlege also von Anfang an mit, welches Material eingesetzt werden kann, wie die Materialien verbunden werden und wie sie wieder getrennt werden können.

Eine Vorgehensweise, die natürlich auch das Renommee der BMW Group fördern soll.

Natürlich. Aber wir müssen ehrlich sein. Im Moment ist die Nachfrage nach Nachhaltigkeit nicht so hoch, wie ich es erhoffen würde. Dass wir uns nachhaltiges Produzieren auf die Fahne geschrieben haben, ist ein Investment in die Zukunft. BMW Kunden können längst darauf bauen, dass das Fahrzeug so nachhaltig wie möglich entwickelt und produziert wurde. Und das es am Ende seines Lebenszyklus wieder in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt wird. Dieser Vorteil wird aber erst in Zukunft starke Bedeutung gewinnen. Der Druck, den Klimaschutzbewegungen wie Fridays for Future aufgebaut haben, kann das unterstützen.

Also kein zurück zu klassischen Produktionsmethoden? Trotz Corona?

Kreislaufwirtschaft war schon vor Corona ein wichtiger Aspekt in der Produktion. Aber klar: Corona hat auch die BMW Group noch stärker auf den Prüfstand gestellt. Wir mussten und müssen uns fragen: Wie verhalten wir uns? Wohin steuern wir? Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, welche hohe Verantwortung die BMW Group trägt und dass sie alles daransetzt, dem gerecht zu werden. Trotz aller Aufgaben und all der Tragik sehen wir in den Erfahrungen durch Corona aber auch eine Chance.

Das müssen Sie erklären.

Wir orientieren uns als Menschen wieder stärker an dem, was wirklich wichtig ist. Wir erkennen beispielsweise, dass viele überdimensionierte Shoppingtouren lediglich Kompensationskäufe sind. Oder dass wir gekauft haben, um mit anderen mitzuhalten. Durch die Erfahrungen des Lockdown fragen wir nun vermehrt: Warum tun wir das eigentlich? Es wird wieder mehr Wertigkeit und Nachhaltigkeit eingefordert. Als BMW Group begrüßen wir das.