Urbane Mobilität

Einen Monat ohne eigenes Auto?

Frank Hansen hat in der BMW Group eine ungewöhnliche Aufgabe übernommen: Er versucht, Einwohner Berlins davon zu überzeugen, ihren Pkw abzuschaffen. Hintergrund ist der Wunsch, den Bürgern mehr öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen – ohne dass sie auf Mobilität verzichten müssen.                                                     

Hallo Herr Hansen, Sie sind verantwortlich für das Projekt „Neue Mobilität Berlin“.

Was den Beitrag der BMW Group betrifft: Ja. Aber bei diesem Projekt, das einen ganzen Bezirk mit rund 350.000 Menschen in einer Großstadt wie Berlin umfasst, sind viele beteiligt. Nicht nur Unternehmen und die Stadt, sondern beispielsweise auch Institutionen aus Wissenschaft und Forschung.

Um was geht es dabei?

Die BMW Group hat in den vergangenen Jahren bereits unterschiedlichste Projekte in verschiedenen Metropolen initiiert beziehungsweise ist daran beteiligt. Neue Mobilität Berlin ist eines davon. Im Kern geht es immer darum, die Pain Points einer Stadt zu identifizieren und Lösungen auf den Weg zu bringen. Eines der drängendsten Probleme in Berlin und letztlich allen Metropolen der Welt ist es, Mobilität effizienter und nachhaltiger zu gestalten, um so die Lebensqualität zu erhöhen.

In Berlin ist die Flächenknappheit eklatant …

Das Problem hat sich durch die Nachverdichtung der Innenstadtquartiere nochmals verstärkt. Die Menschen brauchen vor allem Wohn- und Lebensraum, trotzdem aber wächst der PKW-Bestand weiter und blockiert dringend nötigen Freiraum.

Die Menschen brauchen ihr Fahrzeug!

Ja, manche schon, aber nicht alle. Vielleicht sind einige es auch nur gewohnt, ein Auto zu haben? Nach Studien, die vom renommierten Karlsruher Institut für Technologie durchgeführt wurden, hat rund ein Drittel aller Fahrzeugbesitzer in Berlin in seinem Alltag keinen konkreten Bedarf mehr an einem eigenen Auto. Sie nutzen öffentliche Verkehrsmittel oder fahren Fahrrad. Wenn wir diesen Menschen nun auch noch zusätzliche Mobilitätsangebote wie etwa Car-Sharing zur Verfügung stellen, so dass im Fall des Falles auch ein Fahrzeug genutzt werden kann, könnten wir den öffentlichen Straßenraum effizienter nutzen und Platz zurückgewinnen.

Das wollen Sie den Menschen klarmachen?

Wir wollen Impulse setzen und zeigen, dass es für viele auch ohne eigenes Auto geht. In unserer Kampagne „Deine Sommerflotte“ bieten wir 50 Bürgern im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf an, für einen Monat das eigene Fahrzeug gegen ein Paket mit verschiedensten Mobilitätsgutscheinen zu tauschen. Sie können damit Mobilitätsangebote von über 20 Anbietern nutzen, vom Leihwagen, über die öffentlichen Verkehrsmittel bis zum E-Scooter oder Fahrrad. Der bisherige Erfolg ist überwältigend: 30 Prozent haben ihren Pkw danach tatsächlich abgeschafft.

Und das, obwohl Sie nicht auf klassisch regulatorische Maßnahmen setzen, um beispielsweise den öffentlichen Parkraum zu verteuern.

Tatsächlich gibt es in vielen Quartieren in diesem Bezirk bislang keine Parkraumbewirtschaftung. Aber natürlich kann auch die Bepreisung der Nutzung knappen Straßenraums ein wirksames Instrument zur Gestaltung der urbanen Mobilität in einer wachsenden Stadt sein. Das liegt allerdings in der Verantwortung anderer. Wir wollen Anregungen geben, die Rahmenbedingungen ändern müssen Politik und Verwaltung. Dazu gehört beispielsweise auch, spezielle Parkplätze für Car-Sharing-Angebote auszuweisen. Zumindest, bis wir eine wirksame Parkraumbewirtschaftung haben.

Inwieweit lässt sich die Erfahrung, die Sie in den vergangenen Jahren gemacht haben, auch auf andere Bezirke oder gar Metropolen übertragen?

Das Konzept ist so interessant und erfolgreich, dass es dieses Jahr beispielsweise im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg mit ebenfalls rund 350.000 Bewohnern angeboten wird. Auch für andere deutsche Großstädte sind ähnliche Projekte in Vorbereitung. Sie alle werden koordiniert über unsere gemeinsame Plattform Urbane Mobilität. Aber natürlich steigt auch das internationale Interesse von Jahr zu Jahr – denn das Ziel ist überall das Gleiche: den knappen öffentlichen Raum in eng bebauten Innenstädten effizienter zu nutzen und den Verkehr intelligent zu verknüpfen. Das Auto bleibt für viele das wichtigste Fortbewegungsmittel – aber nicht zwangsläufig in den Innenstädten der Metropolen.