Urbane Mobilität

Die resiliente Stadt.

Städte und Metropolen sind der Mittelpunkt unseres Lebens. Aber sie sind auch verletzlich. Der Sars-CoV-2 Virus oder der Klimawandel sind Beispiele. Eine Lösung ist die „resiliente Stadt“.

Hallo Herr Beer, Sie sind Zukunftsforscher am renommierten Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin und forschen hier unter anderem zum Thema Städte und Resilienz. Was ist eine „resiliente“ Stadt?

Felix Beer

Resilienzforschung ist vergleichbar mit Untersuchungen am Immunsystem unserer Gesellschaft: Es geht dabei um die Fähigkeit, unvorhergesehene Krisen gut zu überstehen und sogar an ihnen zu wachsen. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern eben auch für ganze Gesellschaftssysteme - besonders Städte. Sie sollen in die Lage versetzt werden, aus Stresssituationen zu lernen und sich zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

Deshalb fordern Sie, unter anderem einem Vortrag auf dem FUTURE FORUM der BMW Welt, dazu auf, Städte weltweit resilienter zu machen.

Ob COVID-19, Finanzkrise oder Klimawandel: Was wir als Ausnahmezustand wahrnehmen, ist tatsächlich ständiger Begleiter einer Welt im rasanten Wandel. Unsicherheit ist die neue Normalität. Aufgrund zunehmender Urbanisierung sind Städte zentral von diesen Herausforderungen betroffen - bis zum Jahr 2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung dort leben. Schon liegen die Schäden aufgrund von Naturkatastrophen oder Extremwetterereignissen, wie Starkregen, bei bis zu 250 Milliarden US-Dollar jährlich. Das sind Entwicklungen, die Menschen unmittelbar erleben und die Zukunftsängste bewirken. Gleichzeitig können Städte eine Vielzahl von Stellschrauben nutzen, um krisenfester zu werden. So sind sie auf aktuelle und künftige Bedrohungen besser vorbereitet.

Was bedeutet das zum Beispiel in Bezug auf urbane Mobilität?

Die Corona-Krise zeigt, wie anfällig unsere alltägliche Mobilität gegenüber externen Schocks ist. Social Distancing hat unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt, der Öffentliche Nahverkehr war deutlich weniger frequentiert. Andererseits hat die Mikromobilität vor allem durch Fußgänger und Radfahrer merklich zugenommen Und die meisten Städte erlebten zum ersten Mal seit langen ein geringes Verkehrsaufkommen ohne Staus. Denn die Menschen sind, wenn möglich, zu Hause geblieben. Sie haben Möglichkeiten gesucht und gefunden, sich digital zu organisieren. Was wir gesehen haben, ist ein „Organismus Stadt“, der sich auch in Bezug auf die Mobilität verändert und angepasst hat. Quasi über Nacht wurden in vielen Städten Fußwege verbreitert und Autospuren zu Streifen für Fahrräder umgewandelt, sogenannten Pop-up-Radwegen. In Bogota beispielsweise, der Hauptstadt Kolumbiens, wurden temporär 117 km zusätzliche Fahrradwege gebaut, um mehr individuelle Mobilität zu ermöglichen. Ein anderes Beispiel ist Brüssel, wo aufgrund der aktuellen Erfahrungen 40 km neue Radwege gebaut werden. Das heißt nicht, dass wir andere Fortbewegungsmittel wie vor allem den Öffentlichen Nahverkehr vernachlässigen sollten. Aber die Krise zeigt, wie Städte reagieren können, wenn sie resilienter sind. Engagements wie diese und die daraus resultierenden Erfahrungen müssen wir nutzen, um auf Kommendes besser vorbereitet zu sein.

Beispielsweise auf den Klimawandel!

Weltweit schnüren Regierungen derzeit Rettungspakete, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern. Allein die G20-Staaten planen bis zu 20 Billionen US-Dollar auszugeben. Nun kommt es darauf an die richtigen Weichen zu stellen: Mit Blick auf den Klimawandel dürfen diese Wirtschaftshilfen keiner Rückkehr zu “Business as Usual” dienen - sonst schlittern wir schlicht von einer in die nächste Krise. Stattdessen sollten wir diese Investitionen an unsere Nachhaltigkeitsziele knüpfen, um so die Resilienz unserer Städte langfristig zu verbessern. Beispielsweise, um der nachhaltigen Mobilität der Zukunft den Weg zu ebnen. Dazu gehört unter anderem der klare Fokus auf rein elektrisch betriebene Fahrzeuge. Städte könnten gezielt Stimuli setzen, um die Elektromobilität zu fördern. Ein anderes Beispiel sind Zuschüsse an die Bürger, damit sie ihre eigenen, nachhaltigen Wege gehen und selbst wählen, ob sie das Geld in ein Fahrrad, ein kleines Elektrofahrzeug oder in ein Nahverkehrsticket investieren wollen. Wir haben gesehen, dass auch die Orientierung an digitalen Möglichkeiten – Stichwort Homeoffice – zu einem tragfähigen Modell werden kann, um die Stadt flexibel und nachhaltiger zu machen.

Digitalisierung ermöglicht auch eine Verbesserung der Koordination der Mobilität …

… auch das macht eine Stadt resilienter. Plattformen, über die beispielsweise ein Bike- oder E-Car-Sharing organisiert wird, tragen dazu ebenso bei wie Apps, die einen möglichst reibungslosen Übergang zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln, erleichtern. Von den Kosten bis zur zeitlichen Abstimmung. Und natürlich gehören auch Mobility-on-Demand-Angebote dazu. Sie machen den ÖPNV und andere Mobilitätsangebote flexibler, weil sie auf virtuellen „Zuruf“ reagieren können. Realisieren lassen sich viele dieser Chancen in der Regel gut über Public Private Partnership – Programme.

Nicht nur die Städte auch Privatunternehmen müssen resilienter werden.

Richtig. Resilienz ist eines der großen Zukunftsthemen für jede Institution, die sich weiterentwickeln sein will. Unter dem Gesichtspunkt wird es für die BMW Group beispielsweise wichtig sein, sich konsequent auf Elektro-Fahrzeuge oder andere klimafreundliche Mobilitätsformen auszurichten. Außerdem können Unternehmen wie BMW verstärkt als Advokat der Mobilitätswende auftreten und Plattformen ausbauen, die sektorenübergreifende Kooperationen mit anderen Mobilitätsanbietern oder das Teilen der Elektrofahrzeuge ermöglichen. Die Corona-Krise zeigt uns heute mehr denn je, wie wir als Gemeinschaft etwas erreichen können. Dies sollten wir auch in Zukunft beibehalten, um einen langfristigen und nachhaltigen Mehrwert für die Zukunft zu generieren.