Design, das Leben retten kann.

Stephan Augustin ist Industriedesigner und Forschungsingenieur bei der BMW Group in München. Hier ist er zuständig für Sonderprojekte, die an der Mobilität „jenseits von Auto und Motorrad“ arbeiten. Als Erfinder und Querdenker entwickelt er aber auch günstige Helfer für den Alltag, die insbesondere in Entwicklungsländern stromlos für frisches Wasser oder die Kühlung von Lebensmitteln sorgen.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die zu großen Erfindungen führen. Bei Stephan Augustin waren es ein eben ausgetrunkenes Glas Wasser, eine Untertasse und der Blick auf den Atlantik, den er während seines Urlaubs auf den kanarischen Inseln genoss. „Warum“, so fragte sich der Industriedesigner und Forschungsingenieur der BMW Group „lässt sich all das Wasser nicht für Menschen nutzen, die dringend sauberes Trinkwasser benötigen?“ Experten der UNICEF schätzen, dass jedes Jahr 5.000 Kinder an Durchfallerkrankungen sterben, die durch schmutziges Trinkwasser ausgelöst werden.

Eher aus Zufall setzte er seine Untertasse verkehrt auf das Glas und beobachtete einen einfachen Effekt: Wegen der Hitze verdunsteten die letzten Wassertropfen im Glas, stiegen nach oben und kondensierten an der Untertasse.

Eine Idee war geboren. Stephan Augustin entwickelte daraus (und nach dem Studium dutzender Fachbücher) den „Watercone“: Das kegelförmige Entsalzungsgerät verdunstet durch Sonneneinstrahlung Salz- oder Brackwasser. Der Dampf kondensiert an der Innenseite und läuft in eine Auffangrinne. Über 1,5 Liter Trinkwasser können so jeden Tag gewonnen werden. Ein Pilotprojekt, das die Hilfsorganisation Care in einem Fischerdorf im Jemen durchgeführt hat, belegt die Praxistauglichkeit: Die hier verteilten 100 Cones lieferten nicht nur eine einwandfreie Qualität, das Wasser schmeckte den Bewohnern besser als das aus Flaschen.    

Stephan Augustin

Für seine Erfindung ist Stephan Augustin bereits vor einigen Jahren mit dem Energy Global Award ausgezeichnet worden, einem der wichtigsten Preise im Bereich Ressourcenschonung und alternative Energien. Unter den Gratulanten waren unter anderem Michael Gorbatschow, José Manuel Barroso und Kofi Annan.

Heute arbeiten zwar bereits mehrere Tausend seiner Watercones für die Produktion von sauberem Trinkwasser - von Australien über Brasilien, den Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien bis zu den Mormonen in Salt Lake City. Ein flächendeckender Durchbruch aber steht noch aus und soll nun mit Hilfe eines deutschen Konzerns in Indien möglich werden. Er will die Idee aufgreifen und die günstigen Watercones in großer Stückzahl produzieren.

Er könnte sich dann vielleicht auch für den „Terracooler“ interessieren, den Stephan Augustin als „Donatonware“, also lizenzfrei zur Verfügung stellt: Diese Abdeckung aus Terrakotta ermöglicht es, Lebensmittel auch bei 40 Grad Außentemperatur kühl zu halten – ohne dass dafür Strom benötigt wird. „Hier liegt das ‚Geheimnis’ in den Zwischenräumen des Gefäßes“, erklärt Augustin. Sein Terracooler ist eine doppelwandige, glockenförmige Tonhaube, die mit Wasser gefüllt wird. Mit Hilfe der Verdunstungskälte kann sie die Temperatur im Inneren um bis zu 40 Prozent senken. Auf diese Weise wird nicht nur die Haltbarkeitsdauer der darin aufbewahrten Lebensmittel verlängert. Sie werden auch vor Schmutz, Sonnenlicht und Tieren geschützt. Vor allem aber lässt sich der Terracooler mit einfachen Mitteln herstellen: Töpfer in aller Welt verfügen über das nötige handwerkliche Können, um ihn vor Ort herzustellen und zu vertreiben.

Bei einem Besuch in einem Slum von Mumbai, so erzählt der 50jährige, habe er Töpfer kennengelernt, die das Gerät nun für Bewohner nachbauen wollen. Helfen bei der weiteren Verbreitung soll auch der Young Leaders Award der BMW Stiftung (heute Responsible Leaders Awards), mit dem er in Kapstadt für sein Engagement ausgezeichnet worden war. Der Preis, der insgesamt mit 30.000 Euro dotiert ist, ehrt Führungspersönlichkeiten, die neue Pfade betreten und vorbildliche Initiativen für das Gemeinwohl initiieren, weiterentwickeln oder unterstützen.

Stephan Augustin, der bei der BMW Group in Garching bei München für Sonderprojekte zuständig ist, um Fahrzeug-Konzepte jenseits des BMW Kernportfolio Auto und Motorrad zu entwickeln, sieht sein Engagement übrigens sehr pragmatisch. „Zum einen bin ich Industriedesigner. Produkte zu entwickeln, ist meine Aufgabe“, sagt er. Deshalb habe er auch ein Einrad entwickelt oder ein selbstregulierendes curfboard, dass extrem agil ist. Auch der BMW StreetCaver oder die BMW Z-Watch sind unter seiner Federführung entstanden. Zum anderen aber sei für ihn spätestes mit einem Buch über die allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten, dass vom ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt und Staatsoberhäuptern aus der ganzen Welt herausgegeben wurde, klar geworden, dass Gesellschaften nur funktionieren können, wenn jeder so weit möglich auch Pflichten übernimmt. „Erfindungen wie der Watercone und der Terracooler können dafür ein Beitrag sein“, meint er. Und vielleicht komme ja in absehbarer Zeit noch eine weitere Idee hinzu.