Delhis Umweltschützer.

Die indische Mega-City Neu Delhi stünde längst vor dem Abfall-Kollaps – wären da nicht hunderttausende „Wastepickers“, die den Müll einsammeln, trennen und recyceln würden. In Delhi weiß man ihre Arbeit inzwischen sehr zu schätzen.

Es ist jene Winternacht in Neu Delhi, die Bharati Chaturvedi nie vergessen wird. Draußen war es neblig und bitterkalt, als ihr Auto gegen zwei Uhr morgens einfach stehen blieb – und das in einer Stadt, die ohnehin noch nie sicher war. „Ich stieg aus, schloss das Auto ab und stolperte starr vor Angst etwa zehn Minuten durch die stockdunklen Gassen“, erinnert sie sich. Doch als Chaturvedi plötzlich vor einer Müllhalde stand, wusste sie, dass dort Menschen lebten. Es waren die Ärmsten der Armen, von der Gesellschaft als Kriminelle stigmatisiert. Chaturvedi kannte und weckte sie. Von allen anderen gemieden, begriffen sie sofort, dass sie, Chaturvedi, Hilfe brauchte. Die Menschen begleiteten sie zurück und brachten ihr Auto in Sicherheit. „In dieser Nacht haben diese Menschen mir noch einmal vor Augen geführt, wie richtig es ist, sich für sie einzusetzen“, sagt Chaturvedi.

Lange Zeit waren es vor allem die immer größer werdenden Müllberge ihrer Stadt gewesen, die Chaturvedi beschäftigten. Dabei hatte sie schon als Studentin erkannt, dass Mega-Städte wie Delhi mit all ihrem Abfall bald an ihre Grenzen stoßen würden. Bereits während ihres Studiums in Delhi, Baltimore und New York setzte sie sich daher aktiv für den Umweltschutz ein. Zurück in der Heimat, beeinflusste sie nicht nur das vom indischen Umweltministerium herausgegebene Regelwerk für den Umgang von Plastikmüll, sondern beriet die indische Regierung u.a. auch hinsichtlich ihrer Abfallstrategie.

„Irgendwann sah ich zwischen all den Müllbergen nur noch die Menschen, die dort versuchten, mit dem, was sich noch gebrauchen und verkaufen ließ, zu überleben“, sagt Chaturvedi. Menschen ohne Bildung, die gezwungen waren unter den unwürdigsten Bedingungen zu leben. „Plötzlich war mir klar, welchen Beitrag die ,Wastepicker‘ für den Umweltschutz leisteten und wie unglaublich respektlos sie dafür behandelt wurden“, sagt Chaturvedi, die gleichzeitig erkannte, dass es in der indischen Gesellschaft eines Paradigmenwechsels bedurfte, um das zu ändern.

Mit ihrer 1999 gegründeten Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Chintan nahm Chaturvedi sich vor, diesen Wandel anzustoßen. Chintan bedeutet: Eine andere Art zu denken. Was sie damit meint, spiegelt sich in den verschiedenen Initiativen der non-profit Organisation und ihrem weit gespannten Netzwerk aus internationalen, politischen, sozialen und privaten Partnerschaften wider. Dazu gehört auch „Pick my Trash“, ein Service, der Unternehmen, Fastfood-Ketten, Hotels, Shoppingmals oder auch Privatleute gegen Bezahlung dazu einlädt, recycelbaren Abfall direkt vor ihrer Haustür abholen zu lassen. „Das hat den Vorteil, dass Plastik, Papier und andere verwertbare Materialien nicht mehr auf den Müllbergen landen und womöglich noch verbrannt werden“, sagt Chaturvedi. Chintan ist in Delhi längst zu einem Begriff geworden. Mehr als 25 Tonnen Abfall entsorgen die Teams mit Unterstützung verschiedener Agenturen und Privatinitiativen täglich und recyceln diesen zu fast 70 Prozent. Dass das Respekt verdient, erfüllt Delhis „Wastepickers“  mit Stolz, zumal sie in der Lage sind, von dem, was sie für die Stadt tun, auch zu leben. Damit auch ihre Kinder eines Tages selbst entscheiden können, welchen Beruf sie ergreifen möchten, ermöglicht Chintan bereits mehr als 1.300 von ihnen einen Schulbesuch. „Mir ist wichtig, dass die Kinder nicht wie bisher gezwungen sind, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, sondern frei sind, selbst zu wählen“, sagt Chaturvedi.

Doch auch für die indische Mittelschicht hält Chintan Denkanstöße bereit und bietet beispielsweise privilegierten Jugendlichen an, freiwillig auf den Abfallbergen ihrer Stadt zu arbeiten. „Damit haben sie die Chance, auch mal eine andere Realität als die eigne kennen zu lernen“, sagt Chaturvedi, die bei den jungen Menschen auf Neugier und Empathie setzt – und sie als Influencer ihrer Generation zu nutzen weiß.

Als Chaturvedi für Chintan 2013 mit dem Intercultural Innovation Award ausgezeichnet wurde, stand sie mit ihrer „anderen Art zu denken“ plötzlich nicht mehr allein da. Das war neu für sie. Ebenso wie bei Chintan steht auch bei dem von der BMW Group und der United Nations Alliance of Civilisations (UNAOC) verliehenen Award der Mensch als Innovationstreiber im Mittelpunkt. Für Chaturvedi folgte ein „Feuerwerk an Eindrücken, Impulsen und viel Bestätigung“. Der Preis, die Winternacht in Delhi …– die Richtung stimmt. Chaturvedi wird sie weiterverfolgen.