„Dran bleiben“.

Die BMW Group produziert 760.000 Tonnen Abfall im Jahr, die sie zu 99 Prozent recycelt und verwertet. Man könnte meinen, das Ziel wäre erreicht. Doch für die Abfall-Experten bleibt noch viel zu tun.

Bei einer Produktion von fast 2,5 Millionen Fahrzeugen fallen bei der BMW Group jährlich mehr als 760.000 Tonnen Abfall an. Diese werden fast komplett recycelt und verwertet. Genauer gesagt: zu 99 Prozent! „100 Prozent wären nicht realistisch“, sagt Frank Lippoldt, Abfall-Experte in der Strategischen Planung der BMW Group. Dafür gibt es spannende Gründe.

Ein Gespräch mit Frank Lippoldt über ein vielschichtiges und recht verzwicktes Thema.

Die BMW Group verwertet ihren Abfall zu 99 Prozent – das klingt doch schon ganz gut.

Frank Lippoldt: Darauf sind wir auch ziemlich stolz. Mit dem Thema Abfall beschäftigen wir uns ja schon lange. Bereits 2008 waren alle unsere neu zugelassenen Fahrzeuge zu 95 Prozent verwertbar – und entsprachen damit schon Jahre im Voraus den erst seit 2015 geltenden strengen gesetzlichen EU Anforderungen.

Warum so eifrig?

Wir betrachten unsere Altfahrzeuge und auch die Reststoffe in der Produktion nicht als zu entsorgenden Abfall, sondern als Quelle für Sekundärrohstoffe. Reststoffe wie Stahl, die beim Karosseriebau übrig bleiben, werden daher direkt wieder eingeschmolzen. Soll heißen, in Leipzig beliefert ein und derselbe LKW unsere Produktion mit Stahl und nimmt die Reste aus dem Presswerk gleich wieder mit ins Stahlwerk nach Salzgitter.

Und das funktioniert auch an weltweit allen anderen Standorten der BMW Group?

Die Bedingungen und Voraussetzungen sind natürlich überall auf der Welt anders. Daher haben wir über die Jahre viele erfolgreiche Spielarten für die Verwertung von Restmaterialien gefunden. So wird in China beispielsweise der Gießereisand für die Herstellung von Beton verwendet. In Afrika haben wir aus Plastikmüll Rucksäcke für die Kinder einer benachbarten Schule hergestellt und in Brasilien werden alte Holzpaletten zu neuen Paletten zusammengebaut Dabei prüfen unsere Abfall-Experten jede Lösung, um diese eventuell auch auf andere Standorte zu übertragen.

Was ist mit neuen Technologien?

Die sind natürlich immer wieder ein entscheidender Treiber für eine ressourcenschonende und umweltfreundliche Produktion. In München haben wir 2017 beispielsweise eine neue High-Tech-Lackiererei in Betrieb gekommen, in der zwei Lackschichten schon ohne Zwischentrocknung direkt nacheinander aufgetragen werden können. Das spart Strom, Gas, Wasser und erzeugt weniger Abfall. Grundsätzlich gilt: Je moderner das Werk, desto nachhaltiger die Produktion. Das derzeit noch im Bau befindliche Werk in Mexiko wird ab 2020 das ressourceneffizienteste Werk der BMW Group sein.

Davon profitiert vermutlich nicht nur die Umwelt, oder?

Richtig. Unsere Investitionen in den betrieblichen Umweltschutz haben dazu geführt, dass wir unseren Ressourcenverbrauch kontinuierlich senken und seit 2006 Kosten in Höhe von über 161 Millionen Euro einsparen konnten.

Warum ist eine 100 prozentige Abfallverwertung nicht realistisch? Das restliche ein Prozent müsste doch auch noch zu schaffen sein?

Das liegt zum einen an neuen Materialien, die in den Fahrzeugen verbaut werden und die unsere Experten vor immer wieder neue Herausforderungen stellen. Dazu gehören aktuell auch Faserverbundwerkstoffe oder Abfälle aus der Gießerei, aber auch Rohstoffe wie Kobalt, die für die Batterien von Elektrofahrzeugen benötigt werden. Auch diese Materialien sollen zu 100 Prozent recycelt werden. Hier ist noch viel Platz für spannende, neue Technologien.

Und zum anderen?

Sind es regional unterschiedliche Gesetzesvorgaben und Entsorgungsstrukturen, die unseren Abfall-Experten immer wieder Alternativlösungen abverlangen. So gibt es -  um nur ein Beispiel zu nennen -  in der Nähe des Werks in Rosslyn, Südafrika, weder ein Presswerk noch eine Verbrennungsanlage. Was also tun? Die Restmaterialien zurück nach Deutschland zu transportieren wäre ökologisch und ökonomisch wenig sinnvoll.

Also?

Arbeiten wir weltweit mit etwa 500 externen Entsorgern und Lieferanten zusammen. Der Haken ist nur, dass das Umweltbewusstsein noch nicht in allen Ländern gleichermaßen ausgeprägt ist. Daher schulen wir neben unseren Mitarbeitern auch unsere Lieferanten, um hier ein Bewusstsein zu schaffen und die Menschen vor Ort an unseren Erfahrungen im Abfallmanagement teilhaben zu lassen. Unser Ziel ist es, die Nachhaltigkeitsperformance in der Lieferkette zu verbessern, um die Umweltstandards in anderen Ländern positiv zu beeinflussen Hier gibt es für uns allerdings noch viel zu tun.