„Sind Sie bereit, Ihr Auto zu verkaufen?“

Nicht falsch verstehen, Dr. Carl Friedrich Eckhard, der bei der BMW Group das Thema Urbane Mobilität verantwortet, möchte niemanden das Auto wegnehmen. Er hält auch nicht viel davon, Dieselfahrzeuge aus den Städten zu verbannen. Der BMW Manager will die Menschen lediglich davon überzeugen, sich zu verändern.

Verstopfte Straßen, zu wenige Parkplätze und zu hohe Stickoxidwerte belasten unsere Städte schon heute. Das scheint Sie nicht zu beunruhigen?

Dr. Carl Friedrich Eckhardt: Abgesehen von den verschiedensten Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, wird sich die Mobilität in den Städten deutlich verbessern. Warum? Weil wir jetzt die Chance haben, das städtische Mobilitätssystem grundlegend zu modernisieren. Dadurch wird sich auch die Lebensqualität in den Städten verbessern. Unsere Metropolen werden grüner, die Luft sauberer.

Sind Sie da nicht sehr optimistisch?

Wir haben allen Grund optimistisch zu sein. Die Digitalisierung ermöglicht es uns, den Menschen neue Mobilitätslösungen anzubieten: Das Angebot reicht von verschiedenen Leihmöglichkeiten, wie dem Car Sharing, bis hin zur Organisation von gemeinsamen Fahrten. Hierfür können wir heute schon die Weichen stellen.

Das heißt, die Städte müssen investieren?

Es ist wichtig, eine Vision zu haben. Was wollen wir? Wie soll urbane Mobilität im Jahr 2030 aussehen? Das hilft uns, langfristig zu denken. Denn viele Investitionen, die die Städte heute tätigen, erscheinen ihnen zunächst als unprofitabel, zahlen sich aber langfristig aus. Abgesehen davon, sind auch Unternehmen bereit, einen Beitrag zu leisten und zu investieren. Zum Beispiel in den Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektro-Fahrzeuge.

Wie aber wollen Sie die Menschen davon überzeugen, dass sie in der Stadt kein eigenes Auto brauchen?

Die junge Generation legt schon heute kaum noch Wert auf ein eigenes Auto. Anstatt es zu besitzen, nutzt man es lieber. Das trifft auch auf immer mehr ältere Menschen zu. In Gesprächen oder in Workshops, die wir in vielen Städten organisieren, kommen die Anwohner zu der Einsicht, dass sie zwar ein Auto haben, es aber nur selten nutzen. Hätten sie eine Alternative, würden sie es verkaufen. Tatsächlich vereint Car Sharing die Vorteile eines eigenen Autos mit dem des öffentlichen Netzes: Bei Bedarf steht ein Fahrzeug zur Verfügung – und das selbst dann, wenn Busse, U- und Straßenbahnen nicht mehr fahren.

Das klingt, als würde in der Gesellschaft bereits ein Paradigmenwechsel stattfinden. Sind die Menschen tatsächlich schon so weit, ihr Auto zu verkaufen?

Wir müssen erst noch die Voraussetzungen schaffen, damit die Services auch wirklich genutzt werden. Zurzeit werden Autobesitzer aufgrund von Regelungen, wie dem Anwohnerparken, immer noch bevorzugt. Dabei wäre es viel klüger, einige dieser Plätze für das Car Sharing zu reservieren. Die Anwohner müssen erkennen, dass ihnen immer ein Fahrzeug zur Verfügung steht, wenn sie es brauchen. Dann werden sie sich ermutigt fühlen, ihr eigenes Auto zu verkaufen.

Welche technischen Errungenschaften sind denn für neue Mobilitätsservices verantwortlich?

Die Digitalisierung ermöglicht es uns, Mobilität nach Bedarf anzubieten. Ohne Smartphones wüssten wir beispielsweise gar nicht, welche Strecken die Menschen nutzen. Das hilft uns, unsere Services den Bedürfnissen der Kunden entsprechend anzupassen. Revolutionär ist auch die Elektrifizierung, die Fahrzeuge wie den BMW i3 emissionsfrei durch die Städte surren lässt. Und natürlich das autonome Fahren, bei dem sich die Menschen ohne Fahrer  – flexibel und ohne operative Kosten – von A nach B bewegen.

Wie lange wird es dauern, bis wir all diese Technologien nutzen können?  

Wir kooperieren heute schon mit den Städten, um zu verstehen, welche Herausforderungen auf sie und natürlich auch auf die Anwohner zukommen. Dafür haben wir einige Pilotprojekte gestartet, in denen wir den Menschen in den Städten Car Sharing- und Elektro-Fahrzeuge zur Verfügung stellen. Kooperationen wie diese werden wir voraussichtlich in den nächsten fünf bis sieben Jahren kräftig ausbauen. Und auch das autonome Fahren wird schon bald Realität. Ich vermute, in den nächsten zehn Jahren.

Dann werden sich die Taxifahrer schon bald neue Jobs suchen müssen?

Jeder Wandel eröffnet neue Möglichkeiten. Daher bin ich davon überzeugt, dass neue Mobilitätslösungen langfristig auch neue Jobs erforderlich machen.

Der Wandel stellt aber auch Unternehmen wie die BMW Group vor Herausforderungen. Wenn die Menschen weniger Autos kaufen, wird das Unternehmen finanzielle Einbußen kompensieren müssen?

Ich sehe hier auch für die BMW Group die Chance, sich neue Märkte zu erschließen. Natürlich werden wir weiterhin Autos verkaufen, doch wir werden den Menschen auch Fahrzeuge und Services zur Verfügung stellen. Je attraktiver diese Angebote sind, desto erfolgreicher werden wir damit Geld verdienen.

Welche Städte verfolgen Ihrer Meinung nach schon heute eine moderne Mobilitätsstrategie?

Kopenhagen ist ein schönes Beispiel. Die Stadt hatte E.ON damit beauftragt, Ladestationen für Elektromobilität zu installieren. Bedingung war, dass die Säulen auch genutzt werden. Das Energieunternehmen nahm daher im Vorfeld Kontakt zu uns auf. Mit dem Ergebnis, dass die Car Sharing Flotte von Kopenhagen heute mit 300 BMW i3 komplett elektrisch fährt. In Hamburg konnten wir uns auf ein ähnliches Model einigen. Die Stadt hat sich bereit erklärt, bis 2019 bis zu 1.150 Ladepunkte zur Verfügung zu stellen, die gleichzeitig Parkraum für das Car Sharing sind. Damit schafft die Hansestadt einen enormen Anreiz für die Elektromobilität, von der die Luftqualität an Elbe und Alster schon bald erheblich profitieren könnte.

Elon Musk von Tesla hat seine eigenen Pläne. Er möchte ganz Los Angeles untertunneln, um die Menschen mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h von A nach B zu befördern. Dabei verspricht er, die Fahrzeiten von 45 Minuten auf bis zu 5 Minuten zu reduzieren. Was meinen Sie, ist das nur ein Pipeline-Traum oder vielleicht doch schon bald Realität?

Man kann nie wissen. Aber so viel ist sicher: die urbane Mobilität wird sich gewaltig verändern. Und ich finde es sehr aufregend, an diesem Wandel teilzuhaben!