Anleitung zum Verlernen.

Die Initiative „Encontrarse en la Diversidad“ hat das Thema Inklusion unter jungen Argentiniern zu einem populären Topic gemacht. Für ihr Engagement wurde sie mit dem Intercultural Innovation Award der United Nations Alliance of Civilizations (UNAOC) und der BMW Group ausgezeichnet. Gründerin Liora Gomel verrät das Rezept ihres Erfolgs.

Hallo Frau Gomel, Sie haben vor über zehn Jahren in Argentinien „Encontrarse en la Diversidad“ gestartet. Ziel der Initiative ist es, Jugendliche dabei zu unterstützen, die Gesellschaft in ihrer Vielfalt wahrzunehmen und der Alltagsdiskriminierung entgegenzutreten.

In Argentinien war Inklusion bis dahin kaum ein Thema. Vor allem junge Menschen hatten kaum ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie wichtig Diversität und der faire Umgang mit allen Menschen für eine Gesellschaft sind. Dabei ist es gerade bei Jugendlichen entscheidend, Sensibilität für Diskriminierungen zu wecken. Aber weil dieses Thema kaum mit ‚Spaß‘ verbunden wurde, war auch das Interesse daran kaum vorhanden.

Bei Ihren Angeboten ist das anders. Schon zur ersten Inklusions-Konferenz haben sich 200 junge Menschen angemeldet. Im vergangenen Jahr hatten Sie die Konferenz zum 9. Mal ausgerichtet – mit sagenhaften 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Was können sich ähnliche Initiativen aus aller Welt von Ihnen abschauen?

Vorurteile sind nicht angeboren, sondern erlernt. Und wenn man sie lernen kann, dann kann man sie auch wieder verlernen! Um das zu erreichen arbeiten wir beispielsweise mit Filmausschnitten von YouTube. So haben wir realistisches Anschauungsmaterial dafür, wie auch jungen Menschen immer wieder in verschiedene Stereotype gedrängt werden. Dann drehen wir die gezeigten Situationen um und fragen: Wie würde die Szene aussehen, wenn die Männerrollen mit Frauen besetzt wären und umgekehrt? Außerdem setzen wir Methoden ein, wie sie in Improvisations-Theatern genutzt werden: Wir spielen den Rollenwechsel durch. Dieses körperliche Handeln hilft, Vorurteile zu spüren, zu erkennen und abzubauen. Junge Menschen lernen, sich nicht in Abgrenzung von anderen zu definieren, sondern selbstbewusst eigene Rollenmodelle zu entwickeln.

Für die jugendgerechte und kurzweilige Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion ist Ihre Initiative mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem mit dem Intercultural Innovation Award. Der Preis wird einmal im Jahr von der United Nations Alliance of Civilizations (UNAOC) und der BMW Group verliehen. Über 1.300 Initiativen aus 130 Ländern hatten sich an dem Wettbewerb beteiligt.

Der Intercultural Innovation Award war eine entscheidende Auszeichnung für uns. Nicht nur wegen des Geldes, dass wir für unsere Arbeit verwenden. Sondern vor allem, weil er uns eine große Sichtbarkeit verliehen hat. So hat sich für uns ein Zugang zu einem weltweiten Netzwerk aus Initiativen, Engagierten und Entscheidern geöffnet. Viele Inklusions-Projekte aus der ganzen Welt sind von unseren Ansätzen und Erfahrungen bereits inspiriert worden. Umgekehrt können wir von anderen Projekten lernen und neue Herangehensweisen testen. Für 2019 haben wir nun sogar ein binationales Projekt mit Paraguay geplant.

Was können Unternehmen wie die BMW Group tun, um die Inklusion zu unterstützen?

Die BMW Group und andere Unternehmen sind bereits bemerkenswerte Mitstreiter für mehr Inklusion. Es ist wichtig für uns, sie an unserer Seite zu haben – zum Vorteil für alle. Denn natürlich verbessert Inklusion auch das Arbeitsumfeld in den Betrieben: Sie ist Grundlage für mehr Ideen und eine bessere Zusammenarbeit. Diese Erkenntnis noch intensiver zu nutzen als bisher und sie weiter zu verbreiten wäre ein entscheidender Schritt.