Altes Plastik für neue BMWs.

Reststoffe und Abfälle? Die gibt es für Daniela Bohlinger nicht. Die Leiterin „Sustainability in Design“ bei BMW weiß: Damit lässt sich viel Neues gestalten. Daher verfolgt sie das Ziel, schon bald sämtliche Fahrzeuge der BMW Group mit Naturfasern und Rezyklaten auszustatten.

Umdenken, anders denken, Wertigkeiten neu definieren – in den Fahrzeugen der BMW Group wird sich in den nächsten Jahren einiges ändern. Hanf, Kenaf, Eukalyptusholz und zu Garn gesponnene PET-Flaschen fanden schon vor Jahren in den BMW i3. Seitdem ist viel passiert.

Ein Gespräch mit Daniela Bohlinger, Leiterin „Sustainability in Design“ bei der BMW Group, über Fußmatten aus alten Fischernetzen, die Vorteile von Kaffeesatz im Interieur und dem Paradigmenwechsel – sowohl im Unternehmen als auch in der Gesellschaft.

 

Fußmatten aus Fischernetzen, Hanf und Kenaf. Was kommt bei BMW noch alles ins Fahrzeug?

Alles, womit wir sukzessive Materialien aus Erdöl – sprich alle Kunststoffe – durch natürliche Materialien oder Rezyklate ersetzen können. Zu letzterem gehören beispielsweise auch die von Ihnen angesprochenen Nylonmatten aus alten Fischernetzen.

Ist das mit dem Premiumanspruch Ihrer Kunden vereinbar?

Absolut! Material aus Sekundär-Rohstoffen muss nicht minderwertig sein. Die Fußmatten sind hierfür ein sehr schönes Beispiel. Zur Verarbeitung von Reststoffen wurde ein spezielles Industrieverfahren entwickelt, mit dem sich ein sehr hochwertiges Nylongarn, das sogenannte Econyl, herstellen lässt. Das Material ist so überzeugend, dass die Firma Kunert auch schon Nylonstrümpfe aus Econyl auf den Markt gebracht hat.  

Bisher liegt der Anteil der im BMW i3 verbauten  Recyclingmaterialien erst bei knapp 20 Prozent.

Sie meinen, es gibt hier noch viel zu tun. Sicherlich!  Ich bin da aber zuversichtlich. Bei uns im Unternehmen findet gerade ein Umdenken statt, bei dem jeder für sich und in seinem Bereich dahingehend schaut, was ein Rohstoff mitbringt und wie man ihn verwenden kann. Reststoffe sind kein Abfall, sondern neuer Rohstoff. Dazu gehören beispielsweise auch die Webkannten aus der Stoffproduktion. Hier haben wir gerade ein ganz neues Design entwickelt, das den neuen Stoff wertig und die kleinen Unebenheiten, die bei diesem Prozess entstehen, wie gewollt aussehen lässt. Das heißt, das Material bestimmt das Design – und nicht wie bisher umgekehrt.

Da sind Sie als Designerin gefordert.

Es ist ein spannender Prozess, weil jede Alternative und jedes neue Material eine ganze Palette an Ideen und Lösungen mit sich bringt. So beschäftigen wir uns gerade mit dem Einsatz von Wolle aus Kapok-Nüssen oder auch mit der Verwendung von Kaffeesatz.

Aha?

Wussten Sie, dass Kaffeesatz Gerüche bindet? Das ist eine Eigenschaft, die wir gerne für den Innenraum des Fahrzeugs nutzen würden. Das ist noch nicht zu Ende gedacht, aber hier gibt es unheimlich viel zu entdecken.

Warum kommunizieren Sie das nicht? Das interessiert Ihre Kunden doch.

Bei Mini wollen wir die Fußmatten gezielt vermarkten: Ein MINI-maler CO2-Footprint passt zu MINI. Verantwortung ist bei der BMW Group aber kein USP. Das ist für uns ein Haltungsthema, das tief in unserem Selbstverständnis verankert ist. Und genau das wollen wir auch an unsere Kunden weitergeben.

Helfen Sie mir…

Nachhaltigkeit ist keine Verzichtserklärung, sondern innovativ und attraktiv. Das haben wir vor vier Jahren bereits im Interieur des BMW i3 bewiesen, für den wir neben zertifizierten Eukalyptus, olivenblattgegerbtes Leder, Hanf oder auch die Malvenart Kenaf für das Armaturenbrett verwendet haben.

Dann ist Kenaf das Material, das dort  zu dieser leicht haarigen Oberflächenstruktur geführt hat?

Genau. Hier hat sich in der Wahrnehmung der Kunden viel getan. Wir haben festgestellt, dass nachhaltige Materialien für sie gar nicht mehr so sichtbar sein müssen, wie dies vielleicht noch beim BMW i3 der Fall ist. Es reicht ihnen zu wissen, dass ein Material nachhaltig ist. Dafür akzeptieren sie, dass diese natürlichen Materialien auch Spuren ihres bisherigen Lebens zeigen dürfen. 

 

Dann haben Sie offensichtlich schon viel Überzeugungsarbeit geleistet?

Durchaus, doch wir gehen noch einen Schritt weiter und hinterfragen die Materialien auch hinsichtlich ihrer Wertigkeit. Warum müssen Autositze beispielsweise immer aus Leder sein? Früher saß selbst der König auf Textil – und nur der Kutschbock war aus Leder. Bei Rolls Royce überlegen wir daher gerade, wie wir diese Wertigkeit, die es mal für Textil gab, wieder rückgängig machen können.

Wenn mir mein Auto in Zukunft nicht mehr gehört, dann ist es mir vermutlich ohnehin egal, wie wertig die Sitze sind.

Nicht nur das. In ein paar Jahren fahren wir zunehmend autonom, in Autos, die uns nicht gehören und in denen es komplett andere Materialien gibt. Statt Knöpfen und Airbags wird es riesige Bildschirme mit interaktiven Flächen geben. Mit möglichen Materialien, ihrem CO2-Footprint und ihrer Wiederverwertbarkeit setzten wir uns heute schon auseinander. Hier arbeiten unsere Lieferanten schon an Fertigungsprozessen, die – ähnlich wie das Econyl für die Fußmatten – Materialien ermöglichen, die erst noch entdeckt werden.