Dr. Nicolas Peter

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“

8. Juni 2020
ca. 5 Minuten

Finanzvorstand Dr. Nicolas Peter im SZ-Interview +++ Wir werden unsere CO2-Ziele erreichen und halten überhaupt nichts von Verwässerungen zulasten der Umwelt. +++ Das Konjunkturpaket wird in Deutschland für einen Impuls in der gesamten Wirtschaft sorgen – genau das war uns als Unternehmen wichtig. +++

SZ: Herr Peter, ist das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen gut für die Autoindustrie und damit für BMW?

Nicolas Peter: Es ist ganz eindeutig gut. Das Konjunkturpaket wird in Deutschland für einen Impuls in der gesamten Wirtschaft sorgen – genau das war uns als Unternehmen wichtig. Ich war vor unserem Gespräch an unserem Standort Unterschleißheim, direkt daneben ist ein Einkaufszentrum. Der Parkplatz war verdammt leer. Es sind also viele Menschen verunsichert. Die Mehrwertsteuersenkung ist ein sehr starker Hebel, das zu ändern. Und wenn ich mir anschaue, was unsere Industrie anbelangt – die Förderung von elektrifizierten Fahrzeugen, der Ladesäulen-Ausbau und die steuerlichen Anreize – ist das noch einmal ein deutlicher Stimulus.

SZ: Ihr Unternehmen war bis in den April hinein positiv gestimmt. Dann sprach man plötzlich von „düsteren Aussichten". Jetzt sind Sie wieder relativ guter Dinge.

Ich denke, wir haben stets an ein realistisches Bild von der aktuellen Lage gezeichnet. Glücklicherweise haben wir in Deutschland das Virus einigermaßen im Griff, das ist das Wichtigste. Und dann hängt eben viel mit der Psychologie im Markt zusammen: Wie sind die Menschen gestimmt? Jetzt gibt es über die Mehrwertsteuersenkung einen starken Aufwärtsimpuls, das hilft der Gesellschaft und der Wirtschaft.

SZ: Aber die Industrie plädierte, einschließlich BMW und unterstützt von den Ministerpräsidenten der Autoländer, für Prämien. Dass nun Verbrenner-Autos nicht besonders unterstützt werden, „bedauert" etwa der Branchenverband VDA.

Es gibt in so einer Diskussion nicht nur schwarz und weiß. Man kann doch nicht erwarten, dass alles genauso kommt, wie man sich das wünscht. Wir haben eine Krise und jetzt ein schnell wirkendes Medikament. Auch wenn es teilweise ein anderes ist, als uns vorschwebte. Die beschlossenen Maßnahmen werden noch mehr Kunden für nachhaltige Mobilität begeistern. Ich könnte mir vorstellen, dass wir mit unserem kompletten Angebot an E-Fahrzeugen vielleicht am deutlichsten von der Erhöhung der E-Auto-Förderung profitieren: Elf Prozent unserer Fahrzeuge sind bereits elektrifiziert, damit sind wir führend in Deutschland.

SZ: Viele andere Hersteller, etwa VW, haben derzeit noch fast ausschließlich Verbrenner im Angebot. Und Geschäftskunden gehen leer aus, weil sie keine Mehrwertsteuer zahlen.

Das Entscheidende ist: Die Kauflaune dürfte jetzt steigen. In allen Bereichen wird sich die Stimmung aufhellen, dies wird auch den Absatz von Wagen mit herkömmlichen Antrieben beleben. Was die gewerblichen Kunden anbelangt: Zum einen sehen wir schon jetzt deutlich, dass diese Kunden zurückkehren in die Autohäuser. Und in ihren eigenen Branchen und Geschäftsbereichen wird es nun schneller aufwärtsgehen, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Von den E-Auto-Förderungen profitiert diese Kundenschicht übrigens durchaus.

SZ: Etliche Bedenkenträger warnen, es seien nicht genügend E-Fahrzeuge im Markt.

Wir müssen die Kapazität erhöhen, aber das ist natürlich machbar. BMW zumindest ist lieferfähig. Die E-Auto-Prämie läuft ohnehin noch bis zum 31. Dezember kommenden Jahres. Ich bin sehr dafür, dass wir jetzt nicht alles schlechtreden.

SZ: Aber die Sonderstellung der Industrie ist vorbei. So viel Gegenwind wie zuletzt war selten, von Wirtschaftswissenschaftlern, der Politik, den Bürgern. Der Abgasskandal schwingt nach und das Auftreten mancher Manager war allzu nassforsch. Manche wollen sogar die Umweltgesetze schleifen.

Das gilt sicher nicht für uns. Wir werden unsere CO₂-Ziele erreichen und halten überhaupt nichts von Verwässerungen zulasten der Umwelt. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wenn ein Hersteller Probleme mit nachhaltigen Angeboten hat, hat er sie unabhängig von Corona. Und um es klar zu sagen: Mit dem Abgasskandal hat BMW nichts zu tun.

SZ: Jedenfalls kaum etwas, stimmt.

Umso wichtiger sind die Fakten. Diese Industrie beschäftigt mehr als 800 000 Menschen. Nehmen Sie die indirekt Beschäftigten hinzu, dann sind sie bei 1,7 Millionen Menschen mit ihren Familien. Alle Konzerne investieren Milliarden Euro, zahlen Milliarden Euro Steuern. Die Stärke oder Schwäche dieser Industrie spüren also viele Menschen. Vielleicht haben wir diese Bedeutung nicht gut genug erklärt?

SZ: Das dürfte den meisten schon klar sein. Aber viele verstehen nicht, wieso in der Not Dividenden gezahlt werden.

Die Dividende wird für das abgelaufene Jahr gezahlt: 2019 war bei BMW ein Okay-Jahr, aber nicht herausragend. Deswegen haben wir die Ausschüttung um ein Drittel gekürzt. Und wenn am Ende dieses Jahres nur ein geringes Ergebnis da ist, dann werden wir die Ausschüttung 2021 entsprechend anpassen. Wir sind ein Unternehmen mit vielen langfristig investierten Anlegern. Da ist Zuverlässigkeit wichtig. Auch für unser Kreditrating.

Mini Cooper SE an Ladestation

SZ: Abgesehen von dieser Debatte: Unterscheidet sich Ihr Tun als Finanzchef in dieser Weltkrise von der Zeit davor?

Wir müssen alle Hebel in Gang setzen, um vernünftig durch 2020 zu kommen und jetzt sehr präzise sein: Was sind die Themen, die zukünftig immer wichtiger werden? Elektromobilität, Digitalisierung und autonomes Fahren. Da müssen wir uns fokussieren – und alles andere zurückstellen. Am Ende des Jahres dürfte der Gesamtmarkt 15 oder 20 Prozent unter Vorjahr liegen, auch wenn es jetzt langsam aufwärts geht.

SZ: Bei vielen Herstellern ist das Geld knapp, wie geht es BMW?

Es ist schwer zu prognostizieren, wie das Ganze weitergeht. Aber wir sind finanziell sehr gut aufgestellt. Wir können tagesaktuell auf eine Liquidität von 17 Milliarden Euro zurückgreifen.

SZ: Die Liquidität hat sich also in den vergangenen zwei Monaten erhöht – obwohl es mehr als 100 Millionen Euro pro Tag kostet, BMW am Laufen zu halten.

Die Zahl haben Sie genannt. Gerade in Krisenzeiten ist Liquidität das A und O. Wir nutzen dazu ein breites Instrumentarium – von Anleihen über Commercial-Paper-Programme bis hin zu Bankeinlagen. Dank unserer sehr guten Bonität profitieren wir weiterhin von einem guten Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten.

SZ: Was ist, wenn eine zweite Welle kommt?

Vom Gesundheitsaspekt sind wir jetzt vorbereitet. Wir haben die Sicherheitsausrüstung und auch die Logistik robuster gemacht – und konnten unsere Werke in Landshut und Wackersdorf komplett durchlaufen lassen, wo wir Komponenten für China produzieren. Was die Wirtschaft anbelangt, denken wir in Szenarien. Mittelfristig wird das schon wieder. Wir müssen unsere Planungen sehr genau anschauen und gegebenenfalls anpassen, da wir nicht von einer V-förmigen Erholung ausgehen und dieses Jahr schon gar nicht wachsen werden, wie das ursprünglich geplant war. Das hat Auswirkungen auf die Werkeauslastung, deswegen stellen wir den Bau des Werkes in Ungarn zurück. Wir müssen zudem 6000 Stellen reduzieren. Dies geschieht beispielsweise durch natürliche Fluktuation, Altersteilzeit oder auch Abfindungen. Und wir müssen weitere Maßnahmen wie die Kürzung von 40-Stunden-Verträgen umsetzen.

SZ: BMW scheint im Angesicht der Krise auch brutal im Einkauf zu sparen. Geschäftspartner von Ihnen berichten etwa, dass BMW das harte US-Prinzip „Pay for play" einführt: Lieferanten müssen cash zahlen, um ins Geschäft zu kommen.

Wir haben Auktionen bei bestimmten Komponenten, aber ich höre keine Kritik von Lieferanten an den Bedingungen.

SZ: Wir schon, es gibt Druck.

Die Festlegung von jährlichen Effizienzzielen steht für mich nicht im Widerspruch zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Mehr als 70 Prozent unserer Wertschöpfung findet bei den Lieferanten statt. Deshalb sprechen wir regelmäßig mit ihnen, um zu sehen, wie man gemeinsam die Kosten für die Fahrzeuge nach unten bekommt. Denn bei elektrifizierten Fahrzeugen ist die Marge geringer. Also müssen wir sehen, was wir bei den Kosten machen können. Ganz selbstverständlich.

SZ: Das ist nachvollziehbar, doch nicht besonders partnerschaftlich.

Beide profitieren davon. Für beide ist es essenziell, um im Wettbewerb nachhaltig erfolgreich zu sein. Für den Zulieferer geht es darum, eine langfristige Sicherheit und Geschäftsbeziehung zu haben. Wir sitzen da in einem Boot.

SZ: Wir reden so viel über Deutschland, aber was ist eigentlich mit Europa?

Das ist die Einheit, in der wir eigentlich denken müssen, ja. In Europa verkaufen wir über eine Million Fahrzeuge, das ist unser wichtigster Markt. Darüber hinaus haben wir viele europäische Zulieferer, insbesondere in Frankreich, Italien und Osteuropa. Dies beides zusammengenommen zeigt uns, dass Europa insgesamt wieder ins Laufen kommen muss. Deshalb finden wir die sehr starke Initiative von Deutschland und Frankreich richtig.

SZ: Merkel und Macron wollen 500 Milliarden Euro ausgeben – per EU-Kredit. Manche schimpfen über die Vergemeinschaftung von Schludrigkeiten.

Wie das Ganze umgesetzt wird, wird sich zeigen. Es gibt kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Aber wir haben als exportorientiertes Land ein unmittelbares Interesse daran, dass jetzt zügig angesichts der schweren Krankheit ein Medikament verabreicht wird. Gar keines zu verabreichen wegen eines Streits der Ärzte, wäre die schlechteste Lösung.

 

Das Interview führte Max Hägler. Es erschien am 6. Juni in der Süddeutschen Zeitung.

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