Oliver Zipse
Nachhaltigkeit 01.03.2021 5 Min.
Kein Green Deal ohne Stecker.

Gastbeitrag für das Handelsblatt und den Brüsseler Informationsdienst Euractiv von Oliver Zipse, Vorsitzender des Vorstands der BMW AG, Präsident der European Automobile Manufacturers' Association (ACEA).

Die europäische Automobilindustrie ist auf dem Weg zur Klimaneutralität. Bis 2050 soll – im Einklang mit dem Green Deal – CO2 im Verkehr keine Rolle mehr spielen. Zusammen mit den 2,7 Millionen direkten Mitarbeitern unserer Branche in Europa treiben wir eine hoch ambitionierte Transformation voran, flankiert von großen Fortschritten und Aufgaben in der Digitalisierung, Verkehrssicherheit und Handelspolitik.

Für uns ist Klimaschutz weit mehr als ökologisches Engagement: Es geht um die wirtschaftliche Zukunft Europas. Wir befinden uns in einem Wettlauf um Innovationssprünge, um überlegene Technologien und Produkte, die weiteres Wachstum ermöglichen, weil sie die Beeinträchtigung von Natur und Klima auf ein Minimum reduzieren. In China wird zielstrebig daran gearbeitet, Wettbewerbsvorteile bei nachhaltigen Technologien zu schaffen. In den USA plant die neue Regierung, die gesamte Regierungsflotte auf Elektrofahrzeuge umzustellen.

Auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten sollten ein starkes Signal zur Ernsthaftigkeit des Green Deals senden, indem sie in ihren öffentlichen Flotten elektrifizierte Fahrzeuge einsetzen. Das entsprechende Produktangebot an batterieelektrischen Fahrzeugen, Plug-In Hybriden und Brennstoffzellenautos ist verfügbar.

Gleichzeitig müssen Elektrofahrzeuge auf eine ausreichend ausgebaute Ladeinfrastruktur treffen. Das gilt für drei Bereiche: öffentliche Ladepunkte, private Ladepunkte zu Hause und am Arbeitsplatz. Dazu ist eine europaweite Anstrengung mit verbindlichen und nachzuhaltenden Zielen erforderlich. Zur Finanzierung dieses notwendigen Kraftaktes sollten dringlich bereits bestehende EU-Programme und neue Initiativen gebündelt werden.

Die Unternehmensberatung PwC Strategy sieht Europa in einer aktuellen Studie als weltweiten „Motor der Elektromobilität“. Die europäische Automobilindustrie investiert jedes Jahr 60 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, einen hohen Anteil davon in alternative Antriebe. Diese Vorleistungen werden jetzt im Markt sichtbar. Elektrofahrzeuge sind in praktisch allen Segmenten verfügbar, die Nachfrage steigt: Jeder zehnte Neuwagen-Kunde in Europa hat sich 2020 für ein elektrifiziertes Fahrzeug entschieden.

Insgesamt wurden in Europa rund dreimal so viele vollelektrische Fahrzeuge verkauft wie in den USA. Und ich möchte hervorheben: Das sind überwiegend Modelle aus europäischer Produktion! Der Anteil von Elektrofahrzeugen am Gesamtabsatz war auch höher als in China. Dabei gilt allerdings: Wer sich für ein Elektrofahrzeug entscheidet, ist auf Versorgungssicherheit angewiesen – zuhause, am Arbeitsplatz und unterwegs.

Wird Ladeinfrastruktur zum limitierenden Faktor des Fortschritts?                         

Am 11. Februar hat der ACEA zusammen mit der europäischen NGO Transport & Environment und dem europäischen Verbraucherverband BEUC in einem gemeinsamen Aufruf gefordert: Europa muss mehr Geschwindigkeit und Verbindlichkeit hinter den Ausbau der Lade- und Wasserstoffinfrastruktur bekommen. Mancher Leser mag stutzen: Ein Industrieverband und eine Umwelt-NGO machen gemeinsame Sache? Wir führen mit den Kollegen von T&E teils kritische Diskussionen, sind keineswegs immer der gleichen Meinung und vertreten oft genug unterschiedliche Positionen.

Aber uns eint das Ziel, den Verkehr in Europa klimafreundlicher zu gestalten. Die fehlende Ladeinfrastruktur darf nicht zum Flaschenhals für die E-Mobilität werden.

Warum diese Eindringlichkeit? Zur Einhaltung der 2019 verabschiedeten CO2-Flottenziele für PKW und Vans werden laut EU-Kommission mindestens drei Millionen öffentliche Ladepunkte bis 2029 benötigt, davon eine Million bis 2024. Dazu kommt die zehnfache Anzahl an Ladestationen im privaten und beruflichen Umfeld. Nur so können die mindestens 30 Millionen E-Fahrzeuge, die wir bis 2030 beim aktuellen Ziel im europäischen Fahrzeugbestand erwarten, ausreichend versorgt werden. Derzeit stehen wir nach Daten des European Alternative Fuels Observatory bei rund 225.000 öffentlichen Ladepunkten, 44.000 davon in Deutschland. Allein hierzulande müssen jede Woche 2.000 neue öffentliche Ladepunkte errichtet werden, um das Ziel zu erreichen. Aber 2020 sind in Deutschland nur 10.000 Ladepunkte dazugekommen. Die Frage der Infrastruktur ist also ungeklärt. Dennoch wurde von der EU-Kommission bereits eine weitere Verschärfung der Flottenziele für neue PKW von -37,5% auf -50% im Zeitraum von 2021 bis 2030 vorgeschlagen. Der Green Deal selbst hat eine Reduktion aller CO2 Emissionen von -55% im Zeitraum zwischen 1990 und 2030 zum Ziel.

Die europäische Automobilindustrie wird weiterhin einen starken Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten. Klar sein muss aber: Wenn die CO2-Flottenziele erhöht werden, steigt durch das Mehr an Elektrofahrzeugen auch der Infrastrukturbedarf. Für jedes weitere Prozent der Zielanspannung (inklusive der potenziellen Erhöhung des Benchmark Levels für emissionsfreie und emissionsarme Fahrzeuge) benötigen wir zusätzlich mindestens 200.000 weitere öffentliche Ladepunkte – über die bereits erforderlichen drei Millionen in 2030 hinaus. Das macht bei der diskutierten Verschärfung noch einmal rund 2,5 Millionen öffentliche Ladepunkte. Wer stellt sicher, dass diese Menge rechtzeitig bereitsteht? Dazu kommt: Jedes Elektrofahrzeug braucht zuhause oder am Arbeitsplatz einen Ladepunkt. Denn dort findet ein Großteil aller Ladevorgänge statt. Bis 2030 müssen also auch im privaten und beruflichen Bereich mindestens 60 Millionen Ladepunkte entstehen.

Ein Deal braucht Verbindlichkeit in der Umsetzung bei allen Vertragsparteien.

Ich verstehe unter einem „Deal“ ein Abkommen mit Rechten und Pflichten auf allen Seiten. Ein Abkommen, dessen Ziele erreichbar sein müssen, zu dem sich alle Beteiligten bekennen, und das von allen Parteien auch eine Verbindlichkeit bezüglich der getroffenen Verabredung einfordert.

Für den Green Deal bedeutet das: Jede Diskussion über CO2-Ziele für Fahrzeuge muss genauso verbindliche Ziele für die öffentliche Hand in den einzelnen Mitgliedsstaaten beinhalten, die Ladeinfrastruktur auszubauen – standardisiert und zugänglich für Kunden europaweit. Das betrifft auch Ladepunkte zu Hause und bei Arbeitgebern. Einfach und unbürokratisch– ohne Hürden in der Strombereitstellung oder Abrechnung. Der Ausbau muss von regelmäßigen und transparenten Berichten zum Fortschritt begleitet werden, samt gezieltem Nachsteuern, um die Synchronisation zwischen der wachsenden Elektroflotte und der Infrastruktur sicherzustellen.

Auch eine gezielte Incentivierung in jedem Mitgliedsstaat ist notwendig. Nicht, weil die Industrie plötzlich Gefallen an zusätzlicher Regulierung findet. Sondern weil bei dem Tempo der geforderten CO2-Reduktion im Verkehrssektor aus einem Green Deal sonst schnell eine einseitige Vorgabe wird, die nicht mehr funktioniert. Denn so wie in einer Demokratie der Wähler entscheidet, entscheidet in der Marktwirtschaft der Kunde. Und ein Kunde, der nicht laden kann, der kauft kein Elektrofahrzeug. So könnte Europa seinen heutigen Vorsprung bei der Elektromobilität leichtfertig verspielen.

Die europäische Automobilindustrie ist bei der Umsetzung des Green Deals auf Rahmenbedingungen angewiesen, die ihre Bemühungen nicht ins Leere laufen lassen. Bis emissionsfreie Fahrzeuge für alle Anwendungen und Bürger geeignet sind, müssen wir für einen real wirksamen Beitrag zum Klimaschutz die Entwicklung aller Antriebsarten technologieoffen vorantreiben. Jedes Gramm CO2-Reduktion hat die gleiche positive Wirkung. Und wir wollen auch in Zukunft keine Bürger von der Mobilität ausschließen, denn die Rahmenbedingungen unterscheiden sich von Region zu Region.

Elektromobilität definiert die Spielregeln für alle Beteiligten neu. Ihr Erfolg ist nicht nur eine Frage von Angebot und Nachfrage, sondern insbesondere eine der passenden Infrastruktur. Es lohnt sich, in Europa unser volles Potenzial auszuspielen, um auch in der nachhaltigen Mobilität eine internationale Spitzenposition einzunehmen. Dazu brauchen wir eine gemeinsame Kraftanstrengung.