Oliver Zipse
Nachhaltigkeit 22.02.2021 4 Min.
Unser Anspruch: Das ‘grünste‘ Elektroauto kommt von BMW.

Interview mit BMW Group CEO Oliver Zipse über den Antrieb der Zukunft, Nachhaltigkeitsstandards, Ressourcenverbrauch und eine Rückgabeprämie für Hochvoltspeicher.

Die Ökobilanz von Elektroautos ist umstritten: Im Betrieb ist ihr CO2-Abdruck kleiner als der eines Verbrenners, in der Produktion aber größer. Wie wird das Elektroauto grüner?

Ich halte nichts davon, einzelne Antriebsformen gegeneinander auszuspielen. Denn auf dem Weg zur nachhaltigen Mobilität und dem Schutz des Klimas leistet jede Form der CO2-Reduzierung ihren Beitrag – unabhängig von der Technologie des Antriebs. Richtig ist, dass sich das Gros der CO2-Emissionen beim Elektroauto verschiebt: von der Nutzungsphase, in der die Batterie idealerweise mit Grünstrom geladen wird, hinein in die Lieferkette, wo etwa die Herstellung der Batteriezellen sehr energieaufwändig ist. Aber hier steuern wir gemeinsam mit unseren Zulieferern konsequent und erfolgreich gegen an, um unseren Anspruch zu erfüllen: Das ‘grünste‘ Elektroauto kommt von BMW.

 

Das ist eine Ansage. Was müssen Sie dafür tun?

Durch die steigende Elektrifizierung würden die CO2-Emissionen unserer Fahrzeuge in der Lieferkette bis 2030 um mehr als ein Drittel deutlich steigen. Diesen Anstieg wollen wir nicht nur vermeiden, sondern den Fußabdruck darüber hinaus sogar um mindestens 20 Prozent reduzieren. Mit unseren Lieferanten haben wir deshalb vereinbart, dass sie bei der Herstellung unserer neuesten Generation von Batteriezellen nur noch Grünstrom verwenden. Bis 2030 spart das insgesamt 10 Millionen Tonnen CO2. Ab sofort beziehen wir zudem Aluminium, für dessen Herstellung Strom aus Sonnenenergie zum Einsatz kommt – das spart nochmal 2,5 Millionen Tonnen CO2. Aber wir gehen noch weiter: Wir minimieren den Einsatz kritischer Rohstoffe und haben für unsere jüngste Generation von Batteriezellen den Anteil von Kobalt im Kathodenmaterial auf unter zehn Prozent reduziert. Und unser modernster E-Antrieb kommt sogar bereits vollständig ohne Seltene Erden aus.

 

Das sind vor allem Einsparungen, die aufs Konto der Zulieferer gehen. Was tun Sie selbst in den BMW-Werken?

Um unsere Lieferanten von unserem Weg zu überzeugen, müssen wir selbst als Vorbild vorangehen. Deswegen verfolgen wir die anspruchsvollsten Ziele bei den CO2-Emissionen in unserer eigenen Produktion: 80 Prozent Reduzierung haben wir uns bis 2030 vorgenommen. Das entspricht einem noch ambitionierteren Pfad als dem 1,5 Grad Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen. Nur die verbliebenen Emissionen, die sich in der Substanz nicht schnell genug reduzieren lassen, werden wir von diesem Jahr an über die Nutzung entsprechender Zertifikate vollständig neutralisieren – und zwar nach allerhöchsten Standards.

Unser Verständnis von Nachhaltigkeit geht aber weit über CO2-Reduzierung hinaus. Unser Anspruch ist es, Verletzungen von Umweltstandards und Menschenrechten in unserer Lieferkette auszuschließen – was gerade bei kritischen Rohstoffen eine besondere Herausforderung ist. Um diesem Ziel nachzukommen, steigen wir an ausgewählten Punkten selbst in die Lieferkette ein und kaufen zum Beispiel Kobalt und Lithium direkt bei den Minen in Australien und Marokko, um es unseren Batteriezell-Lieferanten zur Verfügung zu stellen. Das ermöglicht es uns, unsere Nachhaltigkeitsstandards in den Verträgen zu verankern und somit sicherzustellen, dass der Abbau und die Verarbeitung ökologisch und sozial nachhaltig erfolgen.

 

Apropos Nachhaltigkeit: Wenn die Ihnen so wichtig ist, müssen Sie auch an den Rohstoffverbrauch in der Autoproduktion ran.

Zusätzlich zum Umstieg auf erneuerbare Energien müssen wir unseren Ressourcenverbrauch deutlich reduzieren. 2017 hat die Menschheit zum ersten Mal mehr als 100 Milliarden Tonnen Rohstoffe binnen eines Jahres abgebaut – diesem Trend müssen wir auch in der Autoindustrie entgegenwirken. Angesichts von Ressourcenknappheit und steigenden Rohstoffpreisen ist das ein klares Effizienzgebot – aber eben auch ein entscheidender Hebel für ein nachhaltiges Wirtschaften.

Bei der BMW Group haben wir uns deswegen das Ziel gesetzt, den Anteil von Sekundärmaterialen – also zum Beispiel recyceltem Stahl, Kunststoff oder Aluminium – deutlich zu erhöhen. Dafür müssen diese Materialien aber in sehr reiner Form vorliegen, und das ist aktuell die zentrale Herausforderung. Bei heutigen Recyclingprozessen wird etwa der Stahl mit Kupfer aus dem Bordnetz der Fahrzeuge vermischt und erfüllt dann nicht mehr die hohen Sicherheitsanforderungen der Autoindustrie. Wir müssen deswegen schon beim Design der Fahrzeuge das Recycling mitdenken – beispielsweise muss sich das Bordnetz vor dem Recycling einfach ausbauen lassen. Fest steht für mich aber gleichzeitig: Bei BMW muss das nachhaltige Auto immer noch Freude am Fahren machen.

 

Müsste man nicht eine Art „Pfandsystem“ für Autos einführen, eine Rücknahme-Logistik, mit der knappe Rohstoffe recycelt werden können?

Ein ähnliches Modell planen wir tatsächlich mit Blick auf die Hochvoltspeicher unserer Elektroautos: Denn die enthaltenen zahlreichen wertvollen Rohstoffe – Lithium, Kobalt, Nickel, um nur einige zu nennen. Starten könnte es bereits mit unserem elektrischen BMW iX, der dieses Jahr auf den Markt kommt. Allerdings sind wir der Meinung, dass ein System mit einem einbehaltenen „Pfand“-Betrag nicht der richtige Weg wäre – denn der jahrelange Lebenszyklus eines Autos lässt sich kaum mit dem einer PET-Flasche vergleichen. Und ein signifikanter Pfandbetrag würde das Fahrzeug für den Käufer deutlich teurer machen. Stattdessen würden wir ganz am Lebensende des Fahrzeugs eine Prämie für die Rückgabe zahlen, die sich am Wert der Rohstoffe orientiert. Diese Hochvoltspeicher könnten erst als stationäre Stromspeicher eine zweite Verwendung finden und dann schlussendlich recycelt werden, um den Kreis zu schließen und die ressourcenschonende Basis für neue Batterien zu bilden.

 

Das Interview führte FOCUS-Online-Redakteur Andreas Hentschel.