Veröffentlichte Artikel

   

15.02.2010
„Das unmittelbare Fahrerlebnis steht auch künftig im Mittelpunkt“
Hans-Hermann Braess ist ein »Grandseigneur« der deutschen Automobilforschung. In den vergangenen 45 Jahren hat er Meilensteine gesetzt – unter anderem in der Fahrwerkstechnik, bei Hybrid- und Elektroantrieben, bei der Entwicklung neuer Verkehrskonzepte, bei Fahrerassistenzsystemen oder dem Einsatz neuer Werkstoffe.
Im Interview gibt der ehemalige Leiter von „Wissenschaft und Forschung“ der BMW AG einen Einblick in die Entwicklungsarbeit und spricht über die Fahrzeuge der Zukunft.


Hans-Hermann Braess (73) leitete ab 1977 die Forschungsabteilung bei Porsche. Von 1980 bis zu seiner Pensionierung 16 Jahre später war er Leiter des Bereichs „Wissenschaft und Forschung“ der BMW AG. Während dieser Zeit war er unter anderem maßgeblich am europäischen Automobilforschungsprogramm PROMETHEUS „für ein europäisches Transportwesen mit höchster Effizienz und unerreichter Sicherheit“ beteiligt. Braess ist Honorarprofessor in München und Dresden. Der Ehrendoktor und Träger des Bundesverdienstkreuzes hat Hunderte von wissenschaftlichen Beiträgen veröffentlicht. Gemeinsam mit Ulrich Seiffert gibt Hans-Hermann Braess das Standardwerk „Vieweg Handbuch der Kraftfahrzeugtechnik“ heraus.

Sie sind einer der Gründungsväter des Europäischen Automobilforschungsprogramms PROMETHEUS, bei dem unter anderem das intelligente Zusammenspiel zwischen Fahrer und Assistenzsystemen im Mittelpunkt steht. Könnte es in Zukunft soweit kommen, dass das klassische Autofahren wegen dieser »elektronischen Beifahrer« an Bedeutung verliert?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Komplexität des Verkehrsgeschehens ist in den vergangenen 25 Jahren so stark gestiegen, dass Fahrerassistenzsysteme zunehmend sinnvoll und oft sogar unvermeidbar geworden sind. Es ist entscheidend, gerade für Extremsituationen wie dem Schleudern des Fahrzeugs oder für eine Notbremsung Assistenten zu entwickeln, auf die man sich verlassen kann. Trotzdem gilt das Wiener Übereinkommen von 1968, nach dem der Fahrer die volle Verantwortung über den Fahrvorgang behalten muss. Ausgereifte Assistenzsysteme schützen den Fahrer vor einer Überforderung in kritischen Situationen ohne falsche Erwartungen zu schüren oder ihn gar zu entmündigen. Auch die Fahrer der Zukunft müssen ihr Fahrzeug also jederzeit beherrschen.


Bleiben wir kurz bei der Elektronik: Welche grundlegenden Fortschritte erwarten Sie auf diesem Gebiet?
Es wird zu immer intelligenteren Fahrzeugen auf intelligenten Straßen kommen. Neue Komponenten und eine deutlich verbesserte Bordnetzarchitektur werden Automobile sicherer, komfortabler und vielfältiger machen. Allerdings erhöhen sie auch den Komplexitätsgrad eines Fahrzeugs erheblich. Umso wichtiger ist es, dass Elektronik und Software auch beim Entwicklungsprozess von Fahrzeugen wichtige Verbesserungen ermöglichen. Die Ingenieure arbeiten intensiv daran, die komplexen Arbeiten an einem neuen Modell mithilfe elektronischer Systeme und einer effizienten Programmierung effektiver zu koordinieren und zu beherrschen - von den ersten Skizzen bis zum fertigen Fahrzeug. So werden beispielsweise optimierte modulare Konzepte mit vereinbarten Schnittstellen entwickelt, die Durchgängigkeit bei Entwicklungs- und Testverfahren verbessert oder daran geforscht, wie der Kundenwunsch nach immer mehr Produktvarianten kostengünstig und zügig umgesetzt werden kann. Allerdings haben wir auch mit einem Nachteil der Elektronik zu »kämpfen«, der paradoxerweise in der Geschwindigkeit liegt, mit der die Komponenten entwickelt werden: Die kurzfristigen Innovationszyklen der Halbleiter und Steuergeräte »passen«, nicht zu den längerfristigen Automobilzyklen. Wer heute ein Fahrzeug entwickelt muss also Komponenten kennen, die erst in einigen Jahren Marktreife erlangen könnten.

Automobile haben in den vergangenen 20 Jahren eine rasante Entwicklung durchgemacht. Gehen Sie davon aus, dass sich die Kurve an Innovationen in Zukunft abflachen wird?
Derzeit hat, nicht nur wegen der aktuellen CO2-Diskussion „Efficient Dynamics“ einen hohen Stellenwert. Hier ist die klassische BMW Eigenschaft Dynamik in idealer Weise mit der nachhaltigen Forderung nach Effizienz verknüpft. Zu den nächsten Schritten wird gehören, wie weitere Komponenten des BMW Leitmotivs „Freude am Fahren“ in die Zukunft transportiert werden. Dazu gehört beispielsweise auch, dass unsere Ingenieure das BMW-typische unmittelbare Fahrerlebnis weiterhin gewährleisten. Aber natürlich müssen wir bei unseren Entwicklungen auch weit über das Fahrzeug hinaus denken. Dazu gehört beispielsweise die vollständige informatorische Vernetzung zwischen den Fahrzeugen und mit geeigneten, internetgebundenen Plattformen. Mit „Connected Drive“ ist BMW hier führend. Zudem müssen wir Komponenten im Bereich Sicherheit und Komfort weiter ausbauen. Dazu gehören unter anderem das möglichst weitgehende Vermeiden von Unfällen, das intelligente Navigieren, ein vorausschauendes Energiemanagement sowie maßgeschneiderte Mobilitätskonzepte insbesondere für die Ballungszentren.

Nichts charakterisiert ein Fahrzeug so sehr wie sein Design. Geht es nach der Formel „form follows function" müssten Entwicklungsingenieure auch bei Design-Verantwortlichen das letzte Wort haben.
Die Automobilentwicklung ist geprägt von einer unüberschaubaren Zahl von derartigen Zielkonflikten. Gerade in den designrelevanten Technikbereichen Aerodynamik und Fertigungstechnik gelingt es nur wenigen Herstellern eine Ideallinie zu finden. Aerodynamiker beispielsweise ringen um eine Vielzahl von Einzelheiten bei der Gestaltung von Frontschürzen, Lufteinlässen, Radhäusern oder des Hecks. Dazu kommen noch weitere Anforderungen wie etwa der Fußgängerschutz oder die Verschmutzungsarmut. Trotzdem aber haben die Fertigungstechniker und Designer bei BMW einen breiten Spielraum, um auch unkonventionelle Designwünsche umzusetzen. Unterstützt wird das durch die Möglichkeit das Fahrverhalten der Modelle frühzeitig durch Simulationen zu überprüfen. Seit Beginn der 1990er Jahre sind damit umfangreiche Trial-and-Error-Verfahren weitgehend Geschichte.


Welche Entwicklungen im Bereich Design sehen Sie als Meilensteine der vergangenen Jahrzehnte?
Das vielleicht wichtigste: Schon immer war ein neuer BMW sofort als BMW zu erkennen. Es ist uns gelungen, die Produktpalette deutlich zu erweitern, ohne dass wir einen Verlust an Designintegrität fürchten mussten. Denken Sie beispielsweise an den BMW X5 als Vertreter einer gänzlich neuen Modellgeneration. Etwa seit Mitte der 1970er Jahre wurden im Cockpit immer mehr Anzeigen integriert. Auch hier haben wir einen Meilenstein gesetzt: nicht nur die Bedien- und Anzeigefunktionen wurden neu und richtungsweisend strukturiert. Mit iDrive wurde ein innovatives Eingabesystem mit haptischer Rückmeldung zur Steuerung des Bildschirmes entwickelt, das nun zunehmend Nachahmer findet.


Einige Prognosen sprechen davon, dass in den kommenden Jahren die Zahl der Elektrofahrzeuge stark zunehmen wird. Müssen wir uns von Verbrennungsmotor und Kupplung verabschieden?
Dafür müssten Batterien wesentlich energiereicher, praxistauglicher und kostengünstiger werden. Und das wird von vielen Experten auf absehbare Zeit für wenig wahrscheinlich gehalten. Deshalb werden künftig unterschiedliche Technologien für unterschiedliche Mobilitätsbedürfnisse eingesetzt werden. Batterien, die Optimierung von Verbrennungsmotoren, die Minimierung sämtlicher Verlustenergien im Fahrzeug, das Nutzen von Wasserstoff als Energieträger und nicht zuletzt der Leichtbau werden dabei Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte sein. Ich gehe davon aus, dass in spätestens 15 Jahren für Ballungsgebiete spezielle E-Fahrzeuge zur Verfügung stehen – eine entsprechende öffentliche Förderung vorausgesetzt. Bei Langstreckenautos werden aber deutlich weiterentwickelte Verbrennungsmotoren sowie Hybridantriebe dominant bleiben. BMW wird sich mit allen relevanten Alternativen beschäftigen. Wegen der dabei anfallenden hohen Kosten wird es aber wichtig sein, zweckdienliche Kooperationen ins Leben zu rufen und zumindest temporär Prioritäten zu setzen.


Erklärt sich mit der steigenden Vielfalt der Ansprüche bei der Entwicklung auch die wachsende Bedeutung des Simultaneous Engineering?
In der Tat ist die Bedeutung von Simultaneous Engineering – also des parallelen Arbeitens verschiedenster Experten an einem Projekt – durch neuere Fahrzeugkonzepte wie Elektro- und Hybridantriebe noch gewachsen. Ein Beispiel: Größe und Anordnung der Batterie sowie alle relevanten Eigenschaften müssen schon beim ersten Grundentwurf eines neuen E-Autos berücksichtigt werden. Alle Details sollten von Anfang an gemeinsam mit den Systemlieferanten entwickelt werden. Vergleichbares gilt auch für Elektromotoren, das elektrische Bordnetz oder sogar Heizung und Klimatisierung. Auch hier sind zumeist mehrere Lieferanten beteiligt, was eine simultane Kooperation aller Partner unverzichtbar macht.



   
   
Zurück
   
         
       
    Druckoptimierte Ansicht