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2007
   

18.10.2007
Automobildesign: Die Quadratur des Kreises
Ein Artikel über das neue Buch "Automobildesign und Technik" von Hans-Herrmann Braess und Ulrich Seiffert mit einem Interview mit Chris Bangle, Chefdesigner bei der BMW Group.

Guigiaro, Bangle, Bertone, da Silva – klanghafte Namen, die vielen Autofreunden mehr als nur ein Begriff sind. Die Designer der Automobilhersteller sind oft bekannter als ihre Auftraggeber in den Vorstandsetagen. Ihre Entwürfe stehen im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Sie sorgen dafür, dass etablierte Slogans wie „Freude am Fahren“ mit einer einzigartigen Form in Verbindung gebracht werden und so das Image der Marke prägen.

Dabei lastet ein enormer Druck auf den kreativen Köpfen der Autofirmen. Die Kunden erwarten immer wieder neue Ideen. Zugleich sollen Vorgängermodelle aber auch nach Jahren noch attraktiv sein. Neben den Wünschen der Nutzer spielen bei einem Fahrzeug auch gesetzliche Vorschriften und Anforderungen an die Praxistauglichkeit sowie betriebswirtschaftliche Aspekte eine bedeutende Rolle. Automobildesign ist also viel mehr als Kunst. Dieser Meinung sind jedenfalls Hans-Hermann Braess und Ulrich Seiffert, die kürzlich im Zentrum des automobilen Geschehens – auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt – ihr neues Buch „Automobildesign und Technik“ vorgestellt haben. Die beiden Herausgeber haben Beiträge verschiedener Autoren zusammengetragen, darunter Designer und Experten der Automobilwelt wie Chris Bangle und Giorgetto Giugiaro. Das Buch vermittelt zwischen den technischen Zwängen der Ingenieure, wie Aerodynamik, Produktion, Gesetzes- und Kundenanforderungen, und der Formensprache des Designs.

Das Buch zeigt zunächst wichtige Meilensteine der über 120 Jahre alten Automobilgeschichte auf und beschäftigt sich mit grundsätzlichen Fragen von Gestaltung und Technik sowie der Bedeutung des Designs für den Automobilkunden. Im zweiten Kapitel kommen die Designer der großen Autohersteller selbst zu Wort. Anschaulich erzählen sie darin von ihrer täglichen Arbeit und den Anforderungen an die Gestaltung eines Fahrzeug. Ein letztes Kapitel vertieft Teilgebiete wie Aerodynamik und Ergonomie, Farben, Verglasung und Beleuchtung oder computergestützte Entwicklungsmethoden.

In ihrem eigenen Beitrag beschäftigen sich Braess und Seiffert mit dem Thema „Design und Technik im Gesamtfahrzeug“. Sie sind Experten auf diesem Gebiet, denn beide haben als Ingenieure Forschungs- und Entwicklungsabteilungen großer Unternehmen geleitet: Professor Braess bei BMW und Professor Seiffert bei VW. Sie bezeichnen Design als „Quadratur des Kreises in n-dimensionaler Komplexität“ und möchten den oft diskutierten Konflikt zwischen Designern und Entwicklern relativieren. „In der Realität bemühen sich beide Partner erfolgreich um Lösungen, die die Kunden, aber auch die technischen Anforderungen gleichermaßen zufrieden stellen sollen,“ so die beiden Autoren. Um das zu gewährleisten werden auch Kundenbefragungen in die Neugestaltung eines Fahrzeugs einbezogen. Interessant sind zum Beispiel Ergebnisse, wonach Sicherheit dicht gefolgt von Qualität und Zuverlässigkeit sowie Wirtschaftlichkeit den größten Stellenwert bei den Kaufkriterien einnehmen. Doch auch die Emotionalität gewinnt an Bedeutung: „In gewisser Weise möchte man sich auch in der Körpersprache des Fahrzeugs wieder finden“, so Braess und Seiffert.


Weil diese Emotionalität dafür sorgt, dass wir uns im Auto so wohl fühlen wie zu Hause, kommt dem Innenraum-Design eine besondere Bedeutung zu. Herausforderungen für die Designer und Entwickler birgt dort vor allem der „Arbeitsplatz“ des Fahrers. Immer mehr Funktionen und Assistenzsysteme sollen in der Instrumententafel möglichst ansprechend verstaut werden und zugleich leicht erreichbar und gut erkennbar sein.

Die geometrische Auslegung des Innenraums bestimmen Vorgaben wie Sicht- und Wischfelder oder die Lage der Gurtverankerungspunkte. Braess und Seiffert erklären, warum die dafür notwendigen, teilweise durch den Gesetzgeber standardisierten Größen für Insassen inzwischen von der Realität überholt sind. So hat eine Untersuchung der Universität Kiel ergeben, dass die Körpermaße in der Vergangenheit deutlich größer geworden sind und die Fahrzeuge dementsprechend neu gestaltet werden müssen. Um zum Beispiel die Sichtverhältnisse im Innenraum, die Gurtverankerungspunkte oder auch die Position der Sitze entsprechend der durchschnittlichen Fahrergröße einzurichten, arbeiten die Designer mit komplexen Computersimulationen.

Auch bei der Gestaltung des Exterieurs müssen die Designer viele Auflagen beachten. Für den Fahrer zum Beispiel ist die Sicht besonders wichtig, nicht nur nach vorn auf die Fahrbahn, sondern auf das gesamte Umfeld des Wagens. Dazu gehört auch die horizontale Sicht nach hinten durch die Heckscheibe. Beeinflusst wird der Ausblick außerdem durch die so genannte A-Säule, also die Verbindung zwischen Fahrzeugdach und Motorhaube. Sie muss deshalb so schmal wie möglich bleiben. Eine für alle Hersteller besonders wichtige Rolle spielt der Fußgängerschutz am Fahrzeug, während die Forderungen nach einer guten Aerodynamik eher dem Kundenwunsch nach einem dynamischen Fahrgefühl entsprechen. Die beiden Autoren beschreiben, wie die Automobildesigner mit diesen Vorgaben umgehen, erläutern den Zusammenhang von Design und Funktion und diskutieren dabei auch den Einfluss von Designstudien – den so genannten Concept Cars – auf die Neuentwicklung eines Fahrzeugs.

Das Buch von Braess und Seiffert beweist, dass Design und Konstruktion extrem stark voneinander abhängen und allen Beteiligten bewusst ist, dass ein Auto nur in Teamarbeit entstehen kann. Der Mythos, der Chris Bangle und seine Kollegen umgibt, wird dadurch nicht zerstört, aber ihre Arbeit erscheint nach dem „Besuch“ in ihren Designstudios greifbarer und leichter vorstellbar.



Chris Bangle: „Die Designer müssen ihr elitäres Denken aufgeben“
Christopher E. Bangle ist der Designchef der BMW Group. Er hat im neuen Buch von Hans-Hermann Braess und Ulrich Seiffert die Möglichkeit genutzt, den Lesern ungewöhnlich tiefe Einblicke in seine Arbeit zu geben und die Herausforderungen für zukünftige Automobilentwürfe zu beschreiben.

Mr. Bangle, Sie schreiben, dass das Auto und sein Stellenwert in der Gesellschaft momentan einem großen Druck ausgesetzt sind. Woran liegt das?

Das Auto ist das mit Abstand erfolgreichste Transportmittel des Menschen und muss sich doch vermehrt großer Kritik bezüglich seiner Zukunftsfähigkeit stellen. Dabei geht es im Automobilbau längst nicht mehr nur um klassische Fragestellungen des Fahrzeugdesigns oder des Energie-Ressourcen-Managements. Die Globalisierung hat den Automobilbau aus einer gewissen stabilen Position in der traditionellen Industrielandschaft herausgelöst. Es gilt, sich anzupassen und flexible Lösungsansätze zuzulassen. Leider muss man zugeben, dass das Automobildesign im Allgemeinen dies bisher noch nicht verinnerlicht hat.

Um sich von Konkurrenten abzuheben, ist die Form der Fahrzeuge für die Hersteller von großer Bedeutung. War das schon immer so?

Als die industrielle Revolution Ende des 19. Jahrhunderts Industriedesign für reproduzierbare Produkte entdeckte, war es das wesentliche Ziel, Anwenderprobleme zu lösen und Produkte für den Alltag nutzbar zu machen. Eine Marke im heutigen Sinne gab es damals noch nicht – das Produkt hat weitestgehend für sich selbst gesprochen. Mit der Zeit wurde dieser rein lösungsorientierte Gestaltungsansatz ausgereifter, raffinierter und markenorientierter. Massiv beeinflusst haben diese Entwicklungen die Massenproduktion und die Werbung. Unternehmen waren gezwungen, ihre Kunden unter den zahlreichen nahezu identischen Produkten der Konkurrenz, für das eigene Produkt zu interessieren. Danach folgte dann die längerfristige Kundenbindung – Design als Mittel zur Konsumbefriedigung, Absatzsteigerung und Identitätsstiftung.

Was bedeutet diese Entwicklung konkret für das Automobildesign?

Das Automobildesign steht am Rande der Stagnation. Warum halten die meisten Automobilhersteller an dem Einheits-Look der 1980er Jahre fest? Man kann sie förmlich grübeln hören: Was, wenn unsere Innovationen die Kunden polarisieren, vielleicht sogar abschrecken? Belassen wir es lieber, wie es ist. Momentan läuft es doch ganz gut... Auf kurze Sicht wird man Sitzen immer dem Rennen vorziehen. Doch auf lange Sicht ist Stillstand in einem dynamischen Umfeld gleich bedeutend mit Rückschritt. Bewegt man sich nicht, tun es die Anderen um einen herum. Der Schnelle schlägt den Großen aufgrund seiner Beweglichkeit.

Was schlagen Sie also für die Zukunft vor?

Um einem drohenden Stillstand entgegen zuwirken, müssen wir unseren Kunden die Augen öffnen und ihnen einen tieferen Einblick in unsere Materie gewähren, sie mündiger machen. Das kann jedoch nur gelingen, indem Designer ihr elitäres Denken aufgeben und den Dialog wagen – den Dialog hin zum Kunden. Einige Designer könnten sich davor fürchten, weil sie denken, sie würden die Kontrolle über „ihr“ Design verlieren. Was man durch die Aufgabe des elitären Denkens jedoch gewinnt, ist ein neues Bewusstsein. Der Kunde wird zwar nicht angenehmer, im Gegenteil. Er ist in der Lage, kritischer und reflektierter zu urteilen, und kann damit einen sehr positiven Einfluss auf das Gesamtergebnis nehmen. Genau das ist es, was das Automobildesign benötigt – einen neuen Impuls, einen kritischeren und „bewussteren“ Endverbraucher, der bereits vor, aber auch während der Entstehung involviert ist, um ein völlig neues innovatives Endprodukt zu schaffen. Bezieht man den Kunden mit ein, erhält man jene Art von Innovationen, die die Welt verbessern werden.

   
   
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